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Mit uns durchs Jahr

Wie soll man ohne Literatur anständig durchs Jahr kommen? Diese Frage stellt sich jeder, der sein Leben nicht im Halbschlaf verdämmern will.
Daher stellen die Mitglieder des VS-NRW für jeden Monat zu einem bestimmten Thema Auszüge aus bereits erschienenen Werken zur Verfügung, die Anregung zum Nachdenken und ein wenig Orientierung bieten - gelegentlich auch in eine ungewöhnliche Richtung.

Das Thema für Dezember lautet:  
Das Ende ist auch ein Anfang.


Hans-Martin Große-Oetringhaus, aus: Meine Zeit, deine Zeit – Ein Adventskalender mit Texten zum stillen Lesen oder Vorlesen
(terre des hommes). Osnabrück 2012

Treuhänderschaft für ein Jahr

Das Jahr geht zu Ende, das mir treuhänderisch übergeben wurde.
Jetzt gebe ich es zurück, um ein neues zu erhalten. War das alte bei
mir tatsächlich in »treuen Händen«? War es bei mir gut aufgehoben?
Wie habe ich es genutzt? Und wozu? Welche Augenblicke
sind mir wichtig geworden?

Das Stöbern in Fotos und das Blättern in Aufzeichnungen des vergangenen
Jahres helfen mir, mich zu erinnern. Der Tod des Nachbarn.
Freude über die eMails und Anrufe der Kinder. Die ersten
Worte des Enkels. Die gepflanzte Eberesche. Tomatenernte vom
eigenen Strauch. Tage voller Arbeit. Nächte am Feuer, im durchwühlten
Bett, am Schreibtisch, unter Sternen. Lange Gespräche mit
Freunden.

Worte zu Papier gebracht. Manche leider nicht gesagt. Geliebt und
Liebe angenommen. Tabletten geschluckt. Leben gehen und kommen
gesehen. Augenblicke genutzt, andere ungenutzt verstreichen
lassen.

Alles in allem die bunte Mischung des Lebens. Auch im zurückliegenden
Jahr. Dankbar dafür und neugierig auf das neue, das mir
wieder treuhänderisch übergeben wird. Welche Verantwortung!
Welche Chance!

Augenblicke nutzen, um kleine Mosaiksteine beizutragen für das
große Bild einer Erde der Menschlichkeit, einer terre des hommes.



Alexander Richter, aus: längsle und querle, Miniaturen, First minute Taschenbuchverlag, Emsdetten.
Über den Tod eines Schriftstellers

Als Schriftsteller lebte es sich in dieser Kleinstadt im Ödland nicht so ganz gut. In jedem Geschäft, das jener dort lebende Vertreter der schreibenden Zunft betrat, hieß es: „Ah, wie schön, dass Sie gerade bei uns kaufen. Welch eine Ehre. Aber sagen Sie, was schreiben Sie eigentlich so für Bücher?“ Bei dieser Frage kratzte sich der Schriftsteller zunehmend verlegen am Kopf. „Dies und das. Und sogar noch andere Sachen“, erwiderte er. „Romane und Storys und Essays. Oder Fabeln über die Spießigkeit meiner Zeitgenossen.“
Doch das genügte den Leuten nicht. Sie bohrten: „Aber was steht da drin? So thematisch gesehen beispielsweise.“ Da zuckte der Schreiber hilflos die Achseln. Er hätte am liebsten erwidert: „Was ist in euren Würsten drin? Oder in den Broten und den Brötchen. So thematisch gesehen. Oder materiell. Oder inhaltlich allgemein.“ Und: „Ich könnte meinerseits gegenfragen: ‚Was esst ihr so?’“ Freilich wagte er eine solche Antwort und die besagten Gegenfragen nicht. Schriftsteller, die guten eben, sind ja durchweg schüchtern. Daher lächelte der arme Kerl auch immer, wenn es zudem hieß: „Kann man denn überhaupt von so was leben? Bücher? Schreiben?“ Auch hier hinderte ihn seine Schüchternheit daran zu sagen: „Wenn ihr welche kaufen würdet, könnte ich schon davon leben.“ Aber eben, er wagte solcherart schnöde Erwiderungen nicht. Notgedrungen leistete er nebenbei anderart Arbeit. Übersetzungen, Schundliteratur. Das brachte ihm ein minimales Einkommen, von dem keiner etwas wusste, sodass die Leute dachten, wenn einer über Jahre als Schriftsteller existieren kann, geht’s ihm sicherlich ganz gut.
So wurde man allmählich in all diesen Läden, wo der gute und bescheidene Schriftsteller einkaufte, etwas dreist. Immer wenn er erschien, um drei Scheiben Wurst oder zwei kleine Flaschen Bier oder viereinhalb Schnitten vom Kornbrot einzukaufen, hieß es: „Das scheint ja wirklich interessant zu sein, was Sie so schreiben. Leider kennt unsereins keinen einzigen Satz von Ihnen. Könnten Sie uns nicht mal eine Kostprobe des Lesens mitbringen? Gratis, weil wir uns schon so lange kennen.“
Da wurde der Schriftsteller völlig verzweifelt. Statt zu sagen „ich kann mir das nicht leisten, Bücher zu verschenken; so wie ihr euch das ja vermutlich auch nicht leisten könnt, euer Bier und eure Wurst zu verschenken“ lächelte er wieder nur schüchtern und kündigte an: „Demnächst.“ Nicht mal wagte er anzubieten: „Gut. Ich bringe euch zwei Bücher mit, dafür kriege ich dann zwölf Koteletts und für zwei weitere Bücher einen halben Kasten Bier.“
Ja, Schriftsteller sind sensibel, wenn auch nur die guten unter ihnen. Der hier gemeinte nun wählte, weil er die ständige Fragerei nicht mehr ertrug, eine Variante, die letztlich zu keinem guten Ende – für ihn – führen konnte. Er mied all diese Geschäfte und kaufte nichts mehr. Dies jedoch zog unweigerlich die nächste Konsequenz nach sich. Er wurde immer schwächer und konnte seine winzige Wohnung nicht mehr verlassen. Ja, eines Tages war es ganz vorbei. Er schaffte es vor Kraftlosigkeit nicht mal mehr aus dem Bett und hauchte drei Tage später sein Leben aus.
Der Vermieter, der natürlich einen Zweitschlüssel zur Wohnung besaß und zuletzt gar stundenlang an der Wohnungstür gelauscht hatte, fand ihn schon kurze Zeit danach und vermeldete es in der ganzen Kleinstadt, wobei er vor seinen Kegel- und den Skatfreunden besonders farbige Schilderungen vom Ende seines in mancherlei Hinsicht ungewöhnlichen Mieters abgab.
In der Kleinstadt trauerte man sogar um den Toten. Unser lieber Kamerad, treuer Kunde, Patient, Kollege, auch Freund, der Künstler. Zunächst jedenfalls. Eine Stadt, die einen Schriftsteller, einen guten zumal, beheimatet, ist schließlich nicht irgendeine Stadt. Und in den Läden und den Kiosken wusste man allseits vorteilhaft von dem Verstorbenen zu reden: „Er hat immer bezahlt und niemals anschreiben lassen. Und er hat immer Sachen von guter Qualität, wenn auch in äußerst kleinen, eigentlich geringen Mengen gekauft.“
Da wurde tüchtig geseufzt und nachgedacht, ob man noch mal einen Schriftsteller in diese Kleinstadt würde locken können. Einen so guten, einen so bescheidenen. Doch diese Überlegungen erwiesen sich als unnötig, denn landesweit wurde der Verstorbene plötzlich berühmt. Weil er nun tot und tatsächlich ein bisschen genial gewesen war. In der Kleinstadt erfuhren sie, dass dies posthum genannt wurde. Seine Bücher „Der Geruch der toten Fliegen“ und „Die Kälte der warmen Häuser“ sowie „Die Spießer sind unter uns“ wurden prompt in mehrere Fremdsprachen übersetzt und verfilmt und wie selbstverständlich in die Lese- und Sprachbücher der höheren Schulen aufgenommen. Die Leute, die zu Lebzeiten des Schriftstellers mit diesem zu tun gehabt hatten, lernten auch gleich, wie man sich vor Kameras und Mikrofonen präsentierte. Denn die großen Zeitungen und einige Fernsehsender waren häufiger vor Ort. Da brauchte man also doch keinen neuen Schriftsteller. Wo man ja das Erbe des toten hinreichend ausschlachten und verwalten konnte.
In der Kleinstadt entstanden nun ein beachtlicher Kultur- und ein Medienbetrieb. Man wurde zu einer Oase in diesem Ödland. Man befruchtete die gesamte Region. Einstimmig beschloss das (Klein)Stadtparlament die Auslobung eines Kulturpreises, das dem Gedenken an den berühmten toten Künstler galt. Man legte Straßen, Plätze und Gebäude fest, die neue Namen bekommen sollten. Nämlich den des toten Genius. Man gründete ein touristenfreundliches Museum, und man richtete ganz schnell neue (selbstverständlich gebührenpflichtige) Auto- und Busparkplätze ein. Und auch die Geschäftsinhaber, bei denen der Schriftsteller immer so brav und freundlich eingekauft hatte, taten das Ihrige zum Gedenken an den großen Sohn der kleinen Stadt. Man brachte Tafeln und Schilder in den Läden an: Hier hat er gekauft und sich mit uns (!) unterhalten und sich (sicherlich) manche neue Anregung geholt. Und es dauerte nicht lange, bis man nach dem Verstorbenen immer mehr Lebensmittel und sonstige Waren benannte. Wurst, Gebäck, Stehkragen, Gamaschen, Schlipse und schließlich eine Biersorte. Und wenn man dann unter sich war, also in der Familie oder mit dem Ehepartner beim Glas Wein oder bei einem nach dem Schriftsteller benannten Menü, gelegentlich auch am Stammtisch, dann seufzte man oft schwer und klagte: „Schade ist nur, dass er uns niemals eines seiner Bücher mitgebracht hat. Wir werden nun nie erfahren, was er so geschrieben und was es mit den toten Fliegen, den Spießern und diesen warmen Häusern auf sich hat.“



Benita Glage, aus: „Laß uns wieder über Liebe reden“, Roman, Eugen Salzer Verlag, Heilbronn, 1993, 186 Seiten

Der Himmel blickt noch immer grau und sieht auch vom Wohnzimmerfenster nicht freundlicher aus. Die Wolken hängen sehr hoch.
Ruthild öffnet das Fenster. Ob wenigstens Wind unterwegs ist? Aber der scheint sich in unsichtbare Tiefen zurückgezogen zu haben. Da, eine Elster! Laut, unüberhörbar, hässlich. Sie räubern im Frühjahr bloß die Nester und saugen die Eier aus. Man sollte sie abschießen! denkt sie voller Zorn und weiß auf einmal nicht mehr genau, wen sie meint. Gestern Abend fühlte sie sich ausgeglichen und vernünftig. Aber heute morgen! Sie spürt nicht nur den dumpfen Schmerz im Nacken, sondern auch einen bitterfaden Geschmack im Mund, ich habe zuviel Wein getrunken, verwirft diesen Gedanken gleich wieder, du weißt doch, was dir im Nacken sitzt und so schlecht schmeckt. Und sie spürt heiße Wellen in sich aufsteigen, aus der Magengrube nach oben, hinauf bis in den Hals. Am liebsten würde sie – aber nein, jetzt ruhig bleiben!
Ruthild tritt vor den Spiegel im Flur, um einen letzten prüfenden Blick auf sich zu werfen. Ob der Rock wirklich zur Bluse passt? Aber im gleichen Moment schon Spenzer und Umhängetasche vom Haken genommen und hinaus aus der Wohnungstür, zweimal abgeschlossen, auf alle Fälle, man weiß ja nie, und losgehechtet zum Bus. Wie immer ein bisschen zu spät.
Die Straße nimmt sie auf und zieht sie in ihren Bann. Sie vergisst Schmerz, Bitternis und Wut. Sie vergisst, dass sie sich beeilen will und überlässt sich ihren Augen. An diesem Morgen scheint es wie immer keine Menschen zu geben, nur Autoinsassen oder Monatskarteninhaber, allenfalls noch Hundebesitzer. Da, die alte Frau! In Kittelschürze und Pantoffeln, schlurft wie immer über den Fahrdamm, knapp vor der nächsten Autoflut den Bordstein erreichend. Ruthild kennt sie schon und schmunzelt. Jeden Morgen das gleiche. Und auf dem Rückweg die Tüte mit Brötchen in der Hand. Diese alte Frau scheint der erste, lebendige Mensch zu sein.
Ruthild erreicht die Bushaltestelle, schaut sich die Wartenden an, sieht schärfer und klarer als sonst. Die Gesichter sind grau, unbeweglich und undurchdringlich.  Sie lassen sich nicht ins Herz sehen. Wozu auch Herz, dieses romantische Wort! Nicht nur von Poeten benutzt, abgenutzt, missbraucht – gezügelt, im Zaum gehalten, in den Staub getreten, in der Hektik der rush hour überfahren.
Wozu denn Herz, wenn doch alles aus und vorbei?
Die Autos, im chromblitzenden Fluss, ununterbrochen, so, als gälte es, jetzt und sofort das frische, lebendige, unüberwindbare Leben zu gewinnen, die Autos drängeln, schlingeln sich aneinander vorbei, überholen, um an der nächsten, schon sichtbaren Kreuzung bei Rot zu warten, nebeneinander, hintereinander. Aber nicht aufeinander! Ruthilds Augen werden zu schmalen Schlitzen, so angestrengt blickt sie dorthin, wo gleich Grün  alle wieder auseinander driften lassen wird. Ohne Rück-Sicht. Nur vorwärts!
„Bloß nicht stehen bleiben. Bloß nicht innehalten. Bloß nicht fragen: Wozu? Wohin? Und wo bist du?“ Sie öffnet die Lippen nur einen Spalt und atmet scharf und gezielt aus, wendet sich anschließend ab, angewidert.
Sie zuckt zusammen. Da, wieder das Krächzen der verhassten Elster, Selbst hier noch! Nicht zu überhören. Der Bus kommt immer noch nicht, bleibt wohl wieder wie meist am Morgen im Verkehr stecken. Und sie steht, mit hängenden Schultern, den Blick gesenkt und wartet. Und weiß nicht mehr, worauf. Da spürt sie wieder das heiße Gefühl, vom Magen hoch.

Ruthild strafft sich plötzlich, richtet sich auf und beginnt, sieben Schritte hin und sieben Schritte zurück zu gehen. Nein, nicht stehen bleiben, im Warten verharren, sich nicht abfinden. Auch mit den Elstern nicht. Heute Abend schon würde sie einen Nistkasten auf ihrem Balkon anbringen, für Meisen, Rotkehlchen und andere Singvögel. Ja, das würde sie tun! Und Marlies gleich nachher erklären, weshalb sie heute schon vor Ladenschluss gehen müsste. Unbedingt!
Schon seit Tagen hatte sie diesen Wunsch im Gefühl.
„Unsinn! Sinnlos, so etwas!“ meinte Ernst gestern Abend. Nein, jetzt nicht an ihn denken, sondern an Meisen und Rotkehlchen und an den Frühling. Er wird gewiss kommen.
Inzwischen ist der Bus endlich zu sehen, noch entfernt, aber schon zu sehen. Und als Ruthild ein letztes Mal sieben Schritte vor, sieben zurück und an der Haltestelle stehen bleibt, aufschaut, da sieht sie auf einmal, der Himmel klart auf. Die ersten, noch verschämt wirkenden blauen Flecken schimmern hindurch.
„Man muss nur genau und immer wieder hinschauen, sich nicht zufrieden geben mit dem angeblich Unvermeidlichen.“
Das muss sie gleich Marlies erzählen, wenn sie, wie meist, zu spät in Geschäft kommt, Marlies wird kurz vor acht den Laden aufgeschlossen, sorgfältig die Rollläden hochgezogen und, wenn es nicht regnet. Also auch heute, einen Ständer mit den Billigangeboten an den Eingang gestellt haben, wird ruhig lächelnd an der Kasse stehen, wenn sie über die Straße in den Laden stürzt und sagen:
„War’s mal wieder ein bisschen spät? Na, macht nichts! Komm, trink erst deinen Kaffee.“
Und dann wird Ruthild nur noch warten, bis die ersten Kundinnen kommen und sie mit freundlich lächelnder Handbewegung in Empfang nehmen. An diesem Morgen.



Horst Landau, aus: Befremdliche Befindlichkeiten, Sassafras Verlag, Krefeld, 2002, Seite 23

Scheideweg.

Zwanzig Jahre
Auf 8-Millimeterformat
Zusammengeschnurrt

Zusammen gelacht
Und geweint

Zusammengelebt
Und auseinander gestorben

Tragen wir nun das EHE-Mal
An der Stirn:

Frei gelassen
Noch längst nicht gelassen
Und frei.



Bernd Kebelmann, aus “Hiddensee mon amour“; BS-Verlag Rostock 2011
Der Schluss …

Zwischen ihnen spielten die Wellenzungen, schoben sich vor, zogen sich flüsternd zurück, legten bei jedem Mal etwas ab, eine Tangspur, ein wenig Schaum.
Rosas Gedanken, das wusste sie, würden sich sehr lange über Wasser halten, Wellenreiter auf einer dunklen, jetzt schwankend gewordenen See, auf einer sanften, Traumbeladenen Dünung […]
Klock fünf fuhr die letzte Fähre. Am Abend setzte sie Kapitän Helmut in Stralsund wieder an Land.
Sie gingen. Die Insel, das Jahr zog weiter, wie Wolken und Vögel es tun, auf einem Weg, der vom Land durch das Meer zu anderen Ufern führt. Rosa blickte versonnen zurück, dann sagte sie zu Matti, zu ihm konnte sie es sagen, es klang zu versponnen, »Drehst du dich um, so ist nichts gewesen, als Augenblicke aus Licht und Klang. Gehst du hindurch, versanden die Uhren – und ein Schreck fährt dir unter die Haut.«
Matti lachte nicht. Er umarmte sie, erwiderte ganz ruhig, »Mich werden, sobald ich zu Hause bin, deine Fotos daran erinnern, dass dies ein Anfang gewesen und eine Geschichte geworden ist, von der ich das Ende nicht weiß.«
»Also«, lachte Rosa, »werden wir sie weiter erzählen.«

Die Insel war kleiner geworden. Der Sand wurde von der See ständig umher getrieben, hin und her gespült. So tat sie es auch mit Büchern, mit Texten und mit Wörtern, mit unserer Existenz. Doch eine einzige Welle genügte, ein heller Wink des unendlichen Leuchtens über der weiten See, um alles wieder hervorzuholen, aus dem Sand, aus der Tiefe der Zeit. Eines galt unveränderlich, Hiddensee stand für Sehnsucht; also würden Rosa und Matti ebenfalls weiter träumen. Nicht lange, dann kamen sie wieder. Sie hielten das Buch in der Hand, sein Titel, „Insel wo Träume ankern". Jemand hatte es hier gelesen, vergessen. Ein Windstoß hat es verweht, ein Sandhügel sanft begraben. Dennoch ging es nicht völlig verloren. Rosa hatte es wiedergefunden. Matti spürte den fragenden Blick. Würde es ihnen ähnlich ergehen, würden sie beide verloren gehen, eines Tages vergraben, vergessen sein? – Rosa blickte ihm tief in die Augen. Diesmal wohnten sie nicht bei der Tante, sie schonten die Familie.

Der Wind vom Weststrand wehte sehr kalt, höchstens drei Grad plus. Matti nahm die Studentin der Kunstgeschichte, die sie nicht mehr war, behutsam an die Hand. Seit einem halben Jahr besaß Rosa ihr Diplom. Sie fror in letzter Zeit viel; sie hatte abgenommen, die Prüfungen, der Stress.
In der winzigen Inselkirche wurde ihnen warm. So viele Menschen und Kerzen. Silvester, Jahrtausendwechsel. Kalender sind austauschbar. Es gab auf der Welt eine Reihe davon. Greifbar für Matti war Rosa, ihre warme Haut neben seiner. Ihr leichter, kaum hörbarer Atem, in dem sich ein Lachen versteckte, in dem es so plötzlich zu grollen begann, wenn das Wetter umschlug.
Noch mehr Leute drängten herein. Immer mehr Kerzen strahlten. Dann wurde die Tür geschlossen. Ganz Vorn saßen vier Studenten, Berliner Studenten auf Hiddensee. Sie freuten sich, hier zu spielen. Sie kämpften in der Feuchtigkeit mit der Stimmung der Instrumente. Viola d’amore, ein Gambenkonzert, gleich begann die Musik. Durchatmen. Still werden. Lauschen. Rosa kuschelte sich an Matti. Dann schob sie die Haare zurück, legte die glühenden Ohren frei. Sehr leise, ganz aus der Ferne hörte sie auch hier, von den uralten Mauern gedämpft, das erschütternde Brausen der See.



Anja Liedtke, aus: „Reise durch amerikanische Betten“, Projekt Verlag, Bochum/Freiburg 2013, 150 Seiten


Mit  fester  Hand  griff  sie  nach  dem  Haltegriff  der  M1  und  stieg  in  den  Kühl-
schrank  Richtung  Harlem.  Zitternd  und  die  Gänsehaut  von  den  Oberarmen
schrubbend  stieg  sie  eine  Dreiviertelstunde  später  aus.  Sie  trat  in  die  Wolke
blasenden  Staubs,  der  ihr  die  Augen  schließen  wollte,  damit  hopsende  Papp-
becher gegen ihre Knöchel prallen konnten. Lea lief die Reihe der Brown-Stone-
Häuser  entlang,  immer  mehr  wurden  renoviert.  Parkett,  Stuck,  viktorianische
Propeller    statt    Klimaanlagen.    Blumenkübel,    Musikinstrumente,    moderne
Malereien,  Farben.  Daneben  wieder  verfallene  Häuser,  aus  denen  Kakerlaken
und Ratten rannten, Müll quoll und Putz bröckelte.
Leas Wohnung hatte ein Zwischenstadium erreicht. Plastik, Staub, Grau. Im
unteren Geschoss renovierte Mr. Ferror noch. Helles Holz, große Fenster und ein
schwarzer Flügel waren schon da, während er noch Trennwände herausschlug,
um  einen  riesigen  Raum  zu  erzeugen.  Weißer  Gips  regnete  auf  ihn  hinunter,
setze  sich  in  pigmentierte  Poren,  rieselte  durch  schwarzes  Kraushaar  und
puderte es wie eine Perücke aus früheren Jahrhunderten.  
»Hi Mr. Ferror.«   
»Hi,« begrüßte er die erste weiße Mieterin in der Straße.  
»Es ist ungeheuer viel Arbeit.«
Er unterbrach sie und legte den Vorschlaghammer beiseite. »Ja, aber sie muss
getan  werden.  Architekten  und  Künstler,  Restaurant-  und  Cafébesitzer  ziehen
nach Harlem. Dadurch steigen die Preise in den Läden. Also muss ich für höhere 121
Einnahmen  sorgen,  um  mir  das  leisten  zu  können.  Um  höhere  Mieten  zu  ver-
langen, muss ich renovieren.«
»Verstehe.«
»Ich habe über die Alternative nachgedacht, zurück nach Barbados zu gehen,
wo ich vor 50 Jahren hergekommen bin. Jetzt, da die Kinder aus dem Haus sind,
ginge das.«
»Aber?«
»Ich  konnte  mich  nicht  zu  diesem  Schritt  durchringen.  Renovieren  ist  ein-
facher.«
»Sieht auf jeden Fall klasse aus.«
»Danke.   Ihr   Zimmer   nehme   ich   mir   auch   noch   vor.   Das   ist   erst   eine
provisorische Renovierung, damit Sie drin wohnen können. Ist es okay so?«
»Oh ja, prima.«
»Ist es okay, wenn mein Bruder ihr Bad mitbenutzt?«
»Ja, kein Problem, Mr. Ferror.«
»Vielen Dank. Gut. Wenn Sie etwas brauchen, sagen Sie es mir.«
Sie  stieg  die  teppichbelegten Stufen  hinauf.  Als  sie  ihr  Zimmer  betrat,  roch  sie
Gas.  Sie  hatte  vergessen  den  Zulauf  abzudrehen,  bevor  sie  gegangen  war.  Sie
entzündete  ein  Streichholz  und  wartete  auf  die  Explosion.  Doch  die  einzigen
Explosionen rührten von der Zugstation neben dem Haus her, vom Hupen unter
den  Fenstern  und  vom  Fernseher  des  alten,  dicken,  dunkelhäutigen  Moslems
gegenüber, der den Apparat nach draußen unter die Treppe geschleppt hatte. Er
ließ  den  französischen  Sender  laufen,  während  er  sich  wie  jeden  Nachmittag
gen  Osten  verbeugte.  Schräg  gegenüber  auf  gleicher  Höhe  mit  Leas  Zimmer
drang  Gospelgesang  aus  den  halbgeschlossenen  Fenstern.  Dort  musste  ein
Aufnahmestudio verborgen sein. Die Stimmen klangen schön und professionell,
der Rhythmus zog Lea immer wieder ans Fensterbrett. Und während sie auf der
Steinbank  hockte,  sah  sie,  wie  unten  einzelne  Passanten  stehenblieben.  Sie
schauten hoch und suchten, woher der Gesang kam. Wie auf Leas Gesicht zeigte
sich auch auf ihren ein Lächeln, egal, was der Tag für jeden von ihnen gebracht
oder  vielmehr  nicht  gebracht  hatte.  Die  Macht  der  Kirche  musste  in  diesem
Gesang liegen.  


Ludwig Verbeek, aus: Die Währung der Wörter – Gedichte, Horlemann Verlag, Bad Honnef, 2010
Seiten 92f
    Ode an den Mond

Bis Vollmond mich zum Werwolf macht
Solang du zunimmst steigt die Stimmung
Auf mich zurückgeworfen wenn du wechselst und verblaßt
Die Flut springt wenn du Neu und springt bei deinem vollen Rund
Beginn Geburt und Werk gelingen wenn du wächst weit schneller
Du Meister der Gezeiten schwindend schwindets und verebbt
Es stirbt sich leichter wenn du abnimmst
  Und alles singt und schwingt im Spiegeltausch
  Da werden Schwächen stark zu stark zu Stärken
  Da werden Stärken schwach zu schwach zu Schwächen
  Im Steinbock bist du im Exil und im Skorpion im Fall
  Beherrschst den Krebs und bist erhöht im Stier
  Der Erde Bruder bleich den keine Sonne wärmt
  Der Meteore Hagel schlug dir Narben
Für Mare Schrunden Krater und Gebirge tot
Gelehrtenrepublik steril der großen Namen
Du fahle Leuchte mancher Lichtung meines Werks hienieden
Wo scheiden sich an dir die Geister der verwirrten Welt
Der Spiegel deines Zaubers und der Mythe brach entzwei
Die Frucht gegessen doch an Erkenntnis kein Gewinn
Verloren ist der letzte Hauch von Unschuld
  Trotz Blei im Stiefel leichte Känguruhs
  Im Erdschein wateten durch deinen unberührten Staub
  Verpuppte Männer aus der Neuen Welt erstarrter Flagge
  So grinst du hin die schönsten Schäfchen hütend goldner Mond
  Nur Marmorgrinsen hast du übrig für den irren Blick
  Du Ort des Todes Ort des Sehnens und der Klage Hort
  Dein Spiegel wirft uns kalt auf uns zurück
  Dein Spiegel wirft uns kalt auf uns zurück
  Du Ort des Todes Ort des Sehnens und der Klage Hort
  Nur Marmorgrinsen hast du übrig für den irren Blick
  So grinst du hin die schönsten Schäfchen hütend goldner Mond
  Verpuppte Männer aus der Neuen Welt erstarrter Flagge
  Im Erdschein wateten durch deinen unberührten Staub
  Trotz Blei im Stiefel leichte Känguruhs
Verloren ist der letzte Hauch von Unschuld
Die Frucht gegessen doch an Erkenntnis kein Gewinn
Der Spiegel deines Zaubers und der Mythe brach entzwei
Wo scheiden sich an dir die Geister der verwirrten Welt
Du fahle Leuchte mancher Lichtung meines Werks hienieden
Gelehrtenrepublik steril der großen Namen
Für Mare Schrunden Krater und Gebirge tot
  Der Meteore Hagel schlug dir Narben
  Der Erde Bruder bleich den keine Sonne wärmt
  Beherrschst den Krebs und bist erhöht im Stier
  Im Steinbock bist du im Exil und im Skorpion im Fall
  Da werden Stärken schwach zu schwach zu Schwächen
  Da werden Schwächen stark zu stark zu Stärken
  Und alles singt und schwingt im Spiegeltausch
Es stirbt sich leichter wenn du abnimmst
Du Meister der Gezeiten schwindend schwindets und verebbt
Beginn Geburt und Werk gelingen wenn du wächst weit schneller
Die Flut springt wenn du Neu und springt bei deinem vollen Rund
Auf mich zurückgeworfen wenn du wechselst und verblaßt
Solang du zunimmst steigt die Stimmung
Bis Vollmond mich zum Werwolf macht