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Sinnkrise

 

Dezember Weihnachten

 

November Asylantenwelle

 

Oktober Arm und reich

 

September Tierliebe

 

August Heimat

 

Juli Sinnproblem

 

Juni Euro

 

Mai Kulturradio

 

April Denglish

 

März Rechtsextremismus

 

Februar Menscheln

 

Januar Burnout

 

Sinnkrise

widmet sich in 12 Fragen - gestellt den Mitgliedern des VS-NRW - dem Zustand der Nation.

(14.2.2012)

Die Dezemberfrage:

 

Bedeuten uns die wiederkehrenden Feste wie Weihnachten und Ostern noch etwas oder gehören sie endlich abgeschafft angesichts einer sich immer mehr multikulturell gestaltenden Gesellschaft?

 

Ein Kurzinterview Karl Feldkamps mit Hoho Drauß vom Walde, dem Vorsitzenden der Gewerkschaft der Weihnachtsmänner (GdW):

K.F.: Herr vom Walde, bedeuten den Deutschen die wiederkehrenden Feste wie Weihnachten und Ostern noch etwas oder gehören sie endlich abgeschafft angesichts einer sich immer mehr multikulturell gestaltenden Gesellschaft?

H. D. vom Walde: Weihnachten ist das deutscheste aller Feste, das vor allem die deutsche Binnennachfrage steigert. Außerdem schafft es Saisonarbeitsplätze für männliche Bartträger und gut aussehende junge Frauen, die als Christkinder in Christkind-Postämtern die Wunschzettel von Kindern beantworten.

K.F.: Und wie passt diese christliche Deutschtümelei zu Multi-Kulti?

H.D. vom Walde: Nun, da es sich um ein Friedensfest handelt, tragen wir selbstverständlich zum friedlichen Miteinander zwischen den Kulturen bei. Selbst bei Moslems mit Migrationshintergrund hält der weihnachtliche Konsum längst seinen segensreichen Einzug. Wir haben sogar schon Weihnachtsmänner islamischen Glaubens in den Reihen unserer Gewerkschaft.

K.F.: Wenn das keine Integration ist!

H. D. vom Walde: Selbst unsere Christkinder bevorzugen lange, weiße, die weibliche Figur nicht unnötig betonende Gewänder. Allerdings tragen sie ihre langen blonden Haare offen. Da wird sich die Integration von jungen muslimischen Frauen möglicher Weise noch ein wenig hinziehen…

Unter Weihnachtsmännern gelten weibliche Gewerkschaftsmitglieder ohnehin als fragwürdig. Es ist eben nicht alles über Quotenregelung möglich.

K.F.: Und wie steht es mit Ostern?

H.D. vom Walde: Dazu vermag ich nichts zusagen, zumal wir bisher nicht einen Osterhasen als Gewerkschaftsmitglied aufnehmen konnten. Ein Kollege hat es einmal mit einem Kaninchenfellkostüm versucht. Doch er wurde von seinen Kunden nicht angenommen.

K.F.: Ich wünsche Ihnen zum Weihnachtsfest viel Erfolg.

H.D. vom Walde: Danke, auf dass die deutschen Konjunktur sich zum Jahresende noch einmal in himmlische Höhen aufschwinge…

(Karl Feldkamp) 

 

 

Weihnacht.

Alle Jahre einmal

Und nicht wieder

Kommt das Kind zu dir

Auf die Schwelle

Im Lichterglanz

Das alte Kind

Das Einmalkind

Und nicht wieder.

 

Kommt

Ist da

Bleibt

Bleibt Kind

Bleibt  einmal Kind – immer Kind

Ichkind – Dukind

Meinkind und Deinkind

 

Bleibt und wird sein

Im alten Glanz:

 

Unser Licht – unser Mal

Unser Ein – unser All

Unser Kind und Kindeskind.

 

 

Einmal im Jahr

Und nicht wieder

Kind zu sein

Nie wieder Kind

Nie wieder so

Im lichten Glanz -

 

Und doch

Immer noch

Immer wieder: Kind

 

Auf der Schwelle des Lichts

Auf der Schwelle des Nichts

Und auf der des Gedichts:

 

Einmal

Und

Für immer.

(Horst Landau) 

 

 

Weihnachten? Ostern? Kennen wir nicht.

I. Advent im Jahre Null

Der Reporter der Römischen Zeitung für die syrische Wüstenprovinz hatte ein Problem: sein Wochenreport war fällig und die Stimmung in Bethlehem schlecht. Er hatte sich von Quirinius die Zahlen geben lassen; die Volkszählung kam in Fahrt, die Steuern würden sprudeln! Doch immer mehr Fremde kamen ins Land, müde, verlaust und hungrig. Sie schoben die Kinder vor und behaupteten, zu Davids Haus zu gehören! Der Reporter diktierte dem Schreiber in Stichwörtern einige Interviews mit aufgeregten Bürgern …

Recht und Ordnung sind in Gefahr, zu viele Ausländer in der Stadt! Das sollen unsere Verwandten sein? Wie wollen sie ihre Steuern bezahlen? Sollen arbeiten, aber nicht hier, bei uns ist Arbeit knapp. Sie kommen doch nur zu uns, damit sie mitgezählt werden. Wir sollen mit ihnen rechnen und später die Kosten tragen! Der Hunger zwingt sie hierher. Und ihre Frauen sind schwanger. Wir rackern uns ab, und denen fällt alles in den Schoß! Unsere Sprache sprechen sie auch nicht; sollen wir jetzt Aramäisch lernen? Ich weiß auch so, was sie wollen, ein Bett und etwas zu Essen. Wir haben zu wenig Platz. Die Römischen Legionäre besetzen alle Zimmer, und sie zahlen gut. Von den Fremden kriegst du kein Geld. Am Besten, wir schicken sie gleich zurück. Die hängen uns nur am Rock. Mein Vater sagt, die Römer sind schuld mit ihrer Machtpolitik. Sie wollen ihr vereinigtes Reich, lassen die Ausländer her und wir dürfen sie ernähren. Wir fürchten um Sitte und Anstand! Mutter sagt, ich darf nicht allein in die Stadt; die Fremden kaufen uns alles weg. Das Chanukka-Fest ist da, und keine Gans zu bekommen! Eine von den Fremden hat gestern im Stall ihr Kind geboren! Nun sollen wir es wohl aufziehen, es annehmen, weil es mit uns verwandt ist? Wer weiß, was es für Erbteile hat. Ob es ein tüchtiger Davidssohn wird, erkennt man ja erst später. Vater ist Zimmermann, aber – was weiß man schon von den Leuten. Nachher hält es sich nicht ans Gesetz; diese Schande ertrage ich nicht! Die Mutter, sagt man, lächelt; als ob die etwas zu lachen hätte! Unruhe wird es geben. Wer so arm und verloren geboren wird, nimmt kein gutes Ende. Die Hirten behaupten schon wieder einmal, das Kind sei ein Prophet. Lasst das nur nicht Herodes hören oder den Hohen Rat! Wenn das die Römer erfahren, müssen die Eltern fliehen. Das wäre auch das Beste, dann sind wir die Geschichte los.

II. Zwei Tage vor dem Pessach-Fest, etwa im Jahre 30

Derselbe Reporter schrieb drei Dezennien später eine Jerusalem-Reportage. Er sprach von einer beinahe gelungenen „Revolution der Liebe“; sie wurde wie üblich in Blut erstickt. – Sein Text fand weder in Rom noch in Jerusalem Freunde. Der Kaiser ließ Gnade vor Recht ergehen, man schickte ihn nur in die Wüste.

III. Advent im dritten Jahrtausend

 Zweihundert Dezennien später hat sich wenig geändert. Es gibt Fremde genug, aber kaum jemand glaubt, dass von ihnen das Heil kommt. Heute sucht man es eher im Festtagsmüll, bei Weihnachtsmännern und Osterhasen, ein und dieselbe Gestalt in wechselnder Verkleidung. Kaum jemand wagt noch den kritischen Blick auf die Wurzeln: ein Stück Wüste geriet in Aufruhr, eine Idee ging zu Fuß, eine Alternative begann, auf Rache zu verzichten. – Rechtzeitig sorgten mächtige Leute im Stil des Großinquisitors dafür, dass alles so bleibt, wie es sein soll, klein und hasenherzig. Stimmt das? Wer Kinder hat, sieht ihre Augen leuchten und drückt sich um eine Antwort. Statt dessen Flitterkram, Zuckerzeug, Schokolade; immerhin Glückshormone. Also doch Weihnachten? Warum nicht, wenigstens für Verlierer und Kinder. Und Ostern? Auf jeden Fall, Aber bitte zu Fuß!

(Bernd Kebelmann)

 

 

Amputation

Dann schafft doch Weihnachten

und Ostern ab / amputiert

Euch selbst beide Beine!

Macht Euch ruhig noch

identitätsloser / Glauben

ist ja sowieso überholt

und unsere Kultur wird

ohnehin kaputtgespart /

Stallgeburt und Kreuzestod

braucht Ihr nicht zum Bild /

Zeitung lesen und das bisschen

Symbolik in Kunst und Literatur

und die paar Putten in der Architektur

und die Sakralbauten im Stadtbild

gehören entweiht Allgemein /

Bildung wer braucht das schon?

 

Dann schafft doch Weihnachten

und Ostern ab / den Konsumgott

wird es vielleicht zornig machen,

aber das wird Atheisten nicht

umbringen und Umsatzeinbußen

fangen wir auf mit neuen Festen /

ohne Schwein und Rind vielleicht

und dann feiert ihr am Abend /

Land in Sicht oder Morgenglut

und irrt entwurzelt auf verbrannten

Büchern, die Euch erzählt hätten

von der Toleranz, die ihr nie Eurer

eigenen Kultur gegenüber hattet.

(Marina Jenkner)

 

Frommer Wunsch

Im letzten Jahr gab sich Lammers mit seinen Wünschen zum

Fest recht bescheiden. Dafür posaunte er diesen einen bereits zu

Allerheiligen hinaus. „Ich wünsche mir, dass Weihnachten und

Ostern auf einen Tag fallen.“

Ich verzweifelte wieder einmal an seinem Hang zu kryptischen

Formulierungen und bat ihn darum, sich zu erklären.

„Wenn Weihnachten und Ostern auf einen Tag fielen, könnte

ich einiges effizienter organisieren”, meinte mein Freund, „außerdem

sind die Weihnachtsmann-Hasen-Übergänge sowieso fließend,

wie du am Angebot der Supermärkte feststellen kannst.”

Er fragte mich nach meiner Meinung.

„Schade um Ostern“, gab ich ehrlich zu bedenken.

„Aber Pfingsten würde enorm aufgewertet werden“, ließ er

nicht locker.

Ich sah große Widerstände. Seitens der Süßwarenindustrie

würde das Arbeitsplatzargument geltend gemacht werden. Zuletzt

unterbreitete ich eine, wie mir schien, praktikablere Variante:

„Vielleicht sollte man erst einmal klein anfangen und Allerheiligen

und Allerseelen zusammenlegen."

(Alfons Huckebrink, aus: Gelinde gesagt. 99 Kürzestgeschichten. Münster 2012)

 

Die Einheit des Göttlichen

Dezember ist der Weihnachtsmonat!

Dezember – das braucht Schnee

selbst ohne offizielles Fest blieb er uns Gesetz

unverrückbar festgenagelt wie die Krippe unterm Baum:

Heilige Dreikönige mit dem Jesuskind

angereichert mit dem grünen Nadeltraum, der von Ungläubigen kündt

bei Licht besehen – ein multikultureller Mix.

Da kann man schon mal sagen, wir waren der Zeit von jeher weit voraus.

 

Ostern hingegen, das Event mit dem Hasen, den wir jagen

um zu fangen seine Eier - ist bloß für die Kleinen gut.

Das göttliche Geschehen, damals im Vorderen Orient, das blendet sich aus

bei uns im Wundertütenland.

 

Die Sehnsucht hingegen zu fühlen das unsichtbare Große,

wenn auch nur für einen Moment, der bunt verpackt oder innig still,

multikulturell gelebt sein will.

Wir Menschen – schaffen das nicht ab!

(Irena Bischoff)

 

 

Vielen Menschen bedeuten die Feste etwas. Auch Erwachsene benehmen sich in dieser Hinsicht wie Kinder. Sie werden sich das nicht wegnehmen lassen wollen. (und die Arbeitnehmer legen Wert auf die zusätzlichen Feiertage). Obwohl die Abschaffung, wie in der Fragestellung angedeutet, sinnvoll wäre. Bei dem Versuch der Abschaffung hätten wir aber einen noch viel stärkeren Gegner: den Handel! Hand in Hand mit den christlichen Kirchen, die vergessen haben, dass da mal jemand (ist lange her) die Kaufleute aus dem Tempel jagte.

Mein Vorschlag wäre, die Anfänge der Jahreszeiten zu feiern, dann würde die Wintersonnenwende, die ja Ursprung für das Datum des „großen christlichen Festes“ ist, uns an den kommenden Frühling erinnern, der sich dann gegen Ende März mit der Mandelbaumblüte o.ä. zeigen würde. Alle Religionen und auch ich (ohne) könnten dann gemeinsam feiern.

Zum Rotwein könnte es dann ja auch Gans oder Ente geben, falls wir nicht sinnvollerweise zu Vegetariern würden:

 

Die Ente und die Weihnachtsgans

Die Gans hat einen langen Hals

durch den wird sie gestopft

dann dreht man ihn ihr um

das ist dumm

für die Gans

Keine Gänse hier herum

das ist dumm für uns

Statt der Gans a Anten

schön rund und ohne Kanten

schön fett und schmackhaft auch

die haun wir in den Bauch

dann sind wir wie gestopft

und achten auf unsere Hälse!

(Ulrich Straeter)

 

Frühliche Weihnacht

Es ist, sieht Herr Michel, wohl Weihnachtszeit.
Die Kaufhäuser öffnen die Türen weit -
Spekulatius und Zimtsterne machen sich breit,
Beim Bäcker und an jeder Ecke.

 

Kleine Mädchennasen drücken sich platt,
Am Fenster, das Barbie unterm Tannenbaum hat.
Mütter schimpfen, zerren - sind doch bald schachmatt -

Und schon bleibt das Geld auf der Strecke.

 

Zuhaus machen Michels Nachbarn sich auf:
Das Glühkettenwettrüsten nimmt seinen Lauf.
Die Müllers setzen Maiers wie stets noch eins drauf -
Vom Balkon, übern Baum, bis zur Hecke.

 

Bei Karstadt gibts - gratis gar! - Glühwein in Tassen;
Es säußelt süß-klebrig, und es klingeln die Kassen -
Nur das Wetter will einfach nicht dazu passen,

Im Oktober und zu diesem Zwecke.
(Werner Schlegel)

 

 

Ich muss gestehen, die Fragestellung in dieser Form hat mich empört. (Das sollte sie wohl auch) Warum, frage ich zurück, sollten wir unsere Religion, unsern Glauben, unsere Tradition aufgeben, weil andere auch einen Glauben und eine Religion haben?

 

Wenn hier nach dem Sinn des Lebens gefragt wird, wäre genau das Gegenteil richtig. Wir sollten unsere Feste genauer anschauen und feiern. Wir sollten Weihnachten nicht zu einem materiellen Geschenkfest verkommen lassen. An dem allerdings die Wirtschaft großes  Interesse hat und damit den Erhalt des Festes unterstützt, das sie verfremdet.

 

Die Weihnachtsgeschichte bedeutet ja keine Idylle, sondern zeigt Symbole für Hilfsbedürftigkeit, Heimatlosigkeit, Verfolgung, aber auch Licht aus einer anderen Welt.

Wenn auch heute viele Christen manches an ihrer Religion nicht mehr akzeptieren können, so bleibt doch der Kern der Botschaft wichtig. 

 

Wir leben zum Glück noch immer in einem christlichen Abendland (solidarisch, ohne Todesurteil, mit Krankenhäusern, Hospizen, Meinungsfreiheit   ...) ob wir den Namen Jesu und Gott erwähnen oder nicht. Ich weiß, dass allerdings nirgendwo alles in Ordnung ist, aber der Grundgedanke, der gegen Gewalt, Geldgier, Zerstörung der Erde gerichtet ist, bleibt wichtig. Den sollten wir nie aufgeben, er ist verankert in unserem Staat.

 

Das alles schließt nicht aus, dass auch andere Menschen ihre Religion haben und ihre Feste feiern können. Dass sie ihre eigenen Vorstellungen vom Zusammenleben der Menschen haben.

Wir aber sollten unsere christliche Sinngebung, die eingebettet ist in unsere Tradition und unsere Kultur, bewahren. Dafür sind die Festtage wichtig. Sonst schwimmen wir steuerlos auf dem Meer des Lebens, getrieben von Machtgierigen und Konformismus. 

(Sigrid Lichtenberger)

 

 

Alle Jahre wieder: weihnachtliche Rituale

In den letzten Wochen vor dem Weihnachtsfest sorgte meine Mutter dafür, dass ich nicht zu spät zu Bett ging und sie dadurch ein paar lange Abende hatte. Sie war nämlich für die Geheimnisse des Festes zuständig. Zu ihnen zählten drei mit zuverlässiger Regelmäßigkeit unter dem Weihnachtsbaum wiederzufindende Besonderheiten: das Knusperhäuschen, der Kaufladen und die Puppenstube.

Das Knusperhäuschen war ein Sperrholzgerüst, das Mutter rechtzeitig vor Weihnachten mit Leb- und Pfefferkuchen, Schokoladenplättchen, bunten Liebesperlen-Talern und Zuckerguss verzauberte. Wer nicht glauben wollte, dass das Knusperhäuschen tatsächlich bewohnt war, der brauchte nur zum Schornstein zu blicken, aus dem weißer Rauch emporstieg. Und wer den für Watte hielt, hatte von den Geheimnissen dieser Zeit nichts begriffen.

Auch den Kaufladen hatte meine Mutter wieder vom Dachboden geholt, ihn aus dem verstaubten Packpapier gepellt und in die kleinen Pappschächtelchen von Imi und Atta, Persil und wie die Glücksbringer der Hausfrauen zu jener Zeit hießen, wieder mit Liebesperlen gefüllt. Die kleinen Holzschubladen waren wieder mit Schokoladentalern, Rosinen oder mit Buchstabennudeln vollgestopft. Und an der Seite des Ladens hingen an einem Nagel kleine Papiertüten, in denen die Nudeln auf der Blechwaage abgewogen werden konnten.

Schließlich die Puppenstube. Zum Glück war der Dachboden riesig, so dass auch sie das Jahr über gut verschwinden und in Vergessenheit geraten konnte. Aber am Heiligen Abend erstrahlte auch sie jedes Mal wieder in neuem Glanz. Eigentlich war es nur ein Holzkasten, der durch zwei Bretter, eines senkrecht, das andere waagerecht, in vier Zimmer geteilt war. Aber die hatten es in sich! Die kleinen Holzmöbel waren robust und von einem Bekannten zurechtgesägt. Die gehäkelte Tischdecke auf dem Wohnzimmertisch war gerade so groß wie ein Fünfmarkstück. Mich begeisterte natürlich vor allem die kleine Stehlampe, von der aus ein dünnes Kabel zur viel zu großen Batterie führte, die man weder unter dem Bett noch hinter dem Sofa verschwinden lassen konnte. Dafür hatte das Kabel aber an beiden Enden eine Büroklammer, die man an die Metallplättchen der Batterie klemmen und damit ein schummeriges Licht im Wohnzimmer verbreiten konnte. Natürlich war es wichtig, bei jedem Eintritt der kleinen Puppe ins Zimmer, die Lampe an und danach wieder auszumachen.

Die drei in jedem Jahr heiß ersehnten und immer wieder neu erhaltenen Geschenke verzauberten die Winternachmittage, bis sie im Frühjahr schließlich wieder in Packpapier eingewickelt, verschnürt und in der hintersten Ecke des Dachbodens abgestellt wurden, um dort ihr Geheimnis zu wahren, bis zum nächsten Heiligen Abend.

(Hans-Martin Große-Oetringhaus)

(20.12.2012)

(Kommentar zum Artikel schreiben)

Neue Asylantenwelle: Realität oder Stimmungsmache?

 

Ad 1: Es heißt nicht „Asylanten“, sondern Asylbewerber. „Asylant“ ist eine Erfindung der BLÖD-Zeitung.

 

Ad 2: Die BRD ist de facto ein Einwanderungsland. Wenn dieser Staat dies zur Kenntnis nehmen und rechtlich regeln würde, könnte er ein Einwanderungsgesetz beschließen, nach welchem jährlich x-Menschen einwandern dürften. Damit würde die Nutzung des Asylartikels des GG in den meisten Fällen vermieden. Vermieden würde auch, von „Missbrauch“ zu sprechen.

 

Ad 3: Die Ursachen für die Migrations- und Flüchtlingsbewegungen sind in der Politik des „Westens“ bzw. der Staaten der Nordhalbkugel und unserem Wohlleben

begründet. Wer diese Politik, u. a. die Tätigkeiten der an allen Parlamenten vorbei von der EU gegründeten Agentur Frontex, befürwortet, akzeptiert oder duldet, macht sich mitschuldig. Die nächsten Generationen werden unangenehme Fragen stellen! Wie konntet ihr nur …

 

Ad 4: Die Mitgliedschaft in „pro asyl“ ist zu empfehlen.

(Ulrich Straeter)

 

 

Diese 5 voneinander durch einen Doppelpunkt getrennten Begriffe sind ein Frage-Fragment, dem das Prädikat fehlt wie einem schlechten Produkt. So hoffe ich, dass diese für mich Gedankenzündstoff enthaltende Fragestellung selbst den folgenden Gedankenfluss provozieren wollte. Es geht um Menschen aus Krisenländern, die bei uns um Asyl ersuchen: mit so einer Definition ließe sich in den Medien sicher weniger Stimmung „machen“. 

Jenem Menschen, der sich Gedanken machen soll, mutet dieses fragmentierte Fragen an wie ein Begriffs-VorWurf. Die Verbindung der menschenverächtlich beschriebenen „Asylantenwelle“ mit dem Wörtchen „neu“ suggeriert zunächst fast so etwas wie eine Modeerscheiung: neue Wellen überschwemmen immer erst einmal den sensationsprogrammierten Menschenmarkt. Diese Welle aber wird ja als kritiklose Behauptung vorne angestellt. Eine Welle suggeriert zudem weiterhin ein untrennbar Verbundenes, zwar bestehend aus Millionen Tröpfchen (so viele Menschen erreichen dieses Land derzeit sicher nicht), doch in der Bewegung des sie verbindenden Elementes miteinander als unteilbar Ganzes einer Naturgesetzlichkeit folgend. Stellen Sie sich diese Welle einmal vor: Können Sie die vielfältig bewegte Ansicht dieses  Elends von tausenden individuellen Elendsschicksalen aushalten? Hier nun lautet meine Frage: Wer spricht als Formulierer dieser Frage? Die 3 nachfolgenden Worte nach dem Doppelpunkt bestimmen die Verlierer in dieser Frage endgültig, entlarven aber auch den Sprecher dann hoffentlich doch: Denn wer entscheidet schon über die Gültigkeit der Realität, wenn nicht diese selbst? Doch gibt es – das „oder“ signalisiert es – eine Scheinalternative – : wie hybrid muss man sein, um zu entscheiden, ob eine zählbare Menge von „uns“ um Hilfe ersuchenden Individuen nun als Realität oder Stimmungsmache zu bezeichnen ist? So bleibt am Ende nur das hässliche, wirklich hässliche Wort der „Stimmungsmache“, die genau das spiegelt, was seine Medienflüsterer anpeilen: billige Effektschreierei, niedere Instinkte einer menschlich erkalteten Selbstgefälligkeit erreichen wollen, gegen Bares, versteht sich.

(Angelika Janz)

 

 

Zuviel Sonne und Suppe - eine ernste, ironische Betrachtung

 

Asyl ist seit langem wieder ein viel gebrauchter Begriff. Vertriebene zahlreicher Länder, Ethnien, Religionen, Flüchtlinge kaum noch zu zählender Kriege, Hungernde aus den Armutsgebieten auf der Suche nach einer Chance, menschenwürdig zu leben, gehören fraglos dazu. Unter ihnen gibt es die kleine Gruppe "glücklicher Asylanten", die es schaffen, trotz unmenschlicher Strapazen, Verfolgungen und Lebensgefahren überhaupt anzukommen! Ihr Ziel, manchmal ist es Europa, genauer, der westliche Teil, empfängt sie mit gemischten Gefühlen. Sie werden statistisch erfasst und beurteilt, ausgefragt, abgestempelt und registriert, mit dem Nötigsten ausgestattet, bevor man sie wieder abschiebt. In wenigen Fällen  dürfen sie bei uns, neben uns, unter uns, aber sauber getrennt von uns leben. Sie sind anders als wir, also fallen sie auf. Bedrohen sie unseren Wohlstand?   Zynisch gesagt, könnten sie gut von unseren Abfällen leben, denn davon gibt es genug. Ihre Zahl bleibt verschwindend gering, verglichen mit den Millionen von Duldern, die ihrem erbärmlichen Leben nicht entfliehen können, verglichen mit jenen ungezählten, unerhörten Opfern weltweiter Katastrophen, die fast immer von Menschen gemacht sind.

Jene "Asylantenwelle", die unsere "glücklichen Strände" erreicht, nicht selten nur noch als Leichnam, berührt kaum unsere Füße, geschweige denn unseren satten, trägen, denkfaulen Bauch. Wir drehen uns um und schließen die Augen und lassen uns in der (lange ersehnten, schwer verdienten) Mittelmeersonne braten. Sie sticht mit Araberdolchen. Vorsicht vor Haien und Hautkrebs! Aber wenn unser Blut zu kochen beginnt, so dulden wir es in Erinnerung an jene Missionare, die stellvertretend für uns  in dunklen Kontinenten die Suppenkessel füllten.

(Bernd Kebelmann)

 

 

Dilemma.

 

Eigentlich

Mag ich Ausländer / Ebenso wenig

Wie meine Landsleute / Sie mögen

(Die meisten zumindest)

 

- Aber was wird man denken von mir

Wenn ich das sage und schreibe?

 

Eigentlich

Mag ich meine Landsleute

Ebenso wenig  / Wie Ausländer

(Die meisten zumindest)

 

- Das ich doch sagen / Oder?

 

Also kommet her zu uns alle:

Sinti und Roma / Und Araber, Inder, Indianer...

 

Doch bleibt in Euren Lagern

Und mir gefälligst vom Leibe!

 

Die Festung Deutschland / Gestürmt von Scheinasylanten

Die keineswegs redlich bleiben / Im Lande

In ihrem / Versteht sich

Und still und zufrieden / Verhungern

Wie unser Gesetz es befiehlt.

 

Eigentlich

Macht es mir auch nicht / Besonders viel Spaß,

Nur so mal eben / Auf offener Straße

Und auf die Schnelle

Von einem, der hungert / Erstochen zu werden

- Obwohl ich’s verstehen könnte

Eigentlich.

 

Doch

Erwartet jemand die Lösung / Der Weltprobleme

Nun eigentlich

Und ausgerechnet

Von konkurrierenden Egomanen,

Von Schriftstellern also??

 (Horst Landau)

 

 

Offener Brief     

 

Woher kommst du Zigeuner, Streuner?

Willst wärmen dich am Herd der sozialen Gemütlichkeit?!

Wir teilen ungern diesen Rest der Glut.

Ans Frieren kann man sich gewöhnen, muss man sogar im Angesicht des Ökostroms.

 

Die Kohle für dich ist nicht für mich

Soll ich vor Kälte bibbern, wird meine Großzügigkeit die Schmerzen lindern?

Ich glaube nicht!

Also, was mein ist, ist nicht dein, geh besser zurück,

denn hast du dich ans warme Netz gewöhnt, mit allen Widrigkeiten ausgesöhnt

wie soll dann ich den Platz am Feuer mir zurückerobern?

Folge dem Naturgesetz: Wellen schlagen an den Strand, ziehen sich zurück vom Land.

Und ich? Ich kuschel mich ein in die Sicherheit, ein braver Deutscher zu sein.

(Irena Bischoff )

 

(15.11.2012)

(Kommentar zum Artikel schreiben)

Arm und reich gab es schon immer. Warum haben wir jetzt so ein Problem damit?

 

Arm und reich gab es mitnichten „schon immer“ – worauf bereits ein Lied aus dem Bauernkrieg verweist: „Als Adam grub und Eva spann, / Wo war denn da der Edelmann?“

Im Moment aber sind „unsere“ Reichen in ihrer Raffgier mal wieder besonders mutig und ungehemmt. Offenbar vertrauen sie ausgerechnet der Weisheit Heinrich Heines, der schon vor rund 160 Jahren resignierend schrieb:

„Denn man macht aus deutschen Eichen / Keine Galgen für die Reichen.“

(Reinhard Junge)

...........

 

„Was fällt dir dazu ein, wenn ich behaupte: Das gab es immer schon!“

„Passt nicht zu dir“.

„Komm schon, ein kleines Spiel: Welche Behauptungen fallen dir ein, wenn jemand im Brustton der Überzeugung sagt: ‚Das gab es immer schon!’ Ich mache auch mit. Zuerst du“. „Na schön, auf deine Verantwortung: Männer sind immer schon die Ernährer der Familie gewesen!“

„Aus welcher Mottenkiste hast du das her? Stimmte schon in der Steinzeit nicht. Zur Ernährung trugen Frauen mit 80% durchs Sammeln, Männer den Rest mit Jagen bei. Jetzt ich: Prostitution ist das älteste Gewerbe der Welt.“

„Das ist doch  ’ne Schutzbehauptung von diesen Zuhältern und Sexkäufern. Ich setze dagegen und denke, dass das älteste Gewerbe der Handel war, zuerst mit Salz und Obsidian, und dann leider auch mit Menschen, die als Beute versklavt und verkauft wurden. Jetzt ich, da wirst du hochgehen: Frauen sind das zweitrangige Geschlecht! Immer schon!“

„Und so etwas zweitrangiges hast du geheiratet? Bin ich froh, dass wir ein Grundgesetz haben. Da steht klipp und klar: Männer und Frauen sind gleichberechtigt. Vorbei mit dem Immerschon!“

„Aber du musst doch zugeben, dass das der Meinungsstand bis ins letzte Jahrhundert war und in vielen Köpfen noch ist.“

„Klar, vorzugsweise Männerköpfen in den Männerreligionen!“

„Sagte ich doch, jetzt regst du dich auf.“ 

„Na und? Manchmal habe ich einfach Angst, dass irgendeine Diktatur oder Religion die Würde der Frauen wieder mit Füßen tritt, weil es der Wille irgendeinen Gottes oder Spinners ist. Das wäre ein Albtraum.“

 „Schon gut. Du hast mit dem Spiel angefangen. Lass hören!“

„Arm und reich gab es immer schon!“

„Da kann ich noch eins draufsetzen. Arme und Reiche brauchen einander. Reg’ dich nicht wieder auf. Hier hab’ ich es Schwarz auf Weiß, vom einem Jesuiten Viktor Kathrein 1909 bei Herder veröffentlicht. Ich zitiere: Der Reiche bedarf des Armen, nicht nur um der vielen niederen Dienstleistungen willen, deren auch der Reiche nicht entbehren kann, sondern noch viel mehr zu höheren sittlichen Zwecken. Der Arme, der doch des Reichen Bruder ist und demselben ewigen Ziele zustrebt, ist dem Reichen eine beständige Erinnerung, daß die irdischen Dinge nicht das Ziel des Menschen, sondern bloß Mittel sind, daß er also nach den irdischen Gütern streben darf, daß er darüber die ewigen nicht verliert… Und so eröffnet die Armut dem Reichen das schönste Feld christlicher Tugendübungen. – Nicht aufregen, gleich bist du dran. Nur noch zwei Sätze: In noch höherem Grade bedarf der Arme des Reichen. Gerade darin besteht nicht zum geringsten Teile das Harte der Armut, daß der Dürftige sich in Demut vor dem Reichen beugen und zu ihm die Hand um Erbarmen ausstrecken muß… Wie gefällt dir das?“

„Hört sich an wie eine gruselige Geschichte seit, na ja, seit gut zweitausend Jahren in Europa. Ich kenne aber auch andere Geschichten wie die Geschichte der Frauen von Juchatan, die große Straßenfeste feiern, sobald sie mehr auf dem Markt verdient haben, als sie zum Leben brauchen, mit dem Erfolg, dass fast jeden Tag irgendeine Nachbarin ein Fest organisiert.“ „Und was haben diese Frauen davon?“

„Eine Menge Anerkennung und Spaß.“

„Also die haben kein Problem mit arm und reich, weil der Reichtum sofort verfeiert wird. Und wieso geht die Kluft zwischen arm und reich immer weiter auseinander?“

„Weil wir verlernt haben, dass der Überschuss für alle da ist.“

(Gudrun Nositschka)

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Wer ist wir? Und wer hat die Probleme? Habe ich mit meinem eigenen Reichsein Probleme? Oder habe ich mit dem Reichsein anderer Probleme? Habe ich, solange ich noch nicht arm bin (das kann schnell geschehen) mit dem Armsein anderer Probleme? Wärst du nicht reich – wär ich nicht arm!

Die Reichen wussten immer schon, dass niemand so arm ist, als dass man ihm nicht noch etwas wegnehmen kann. Also auf sie mit Gebrüll – auf die Griechen. Auf diese faulen Osmanen, die auf ihrer Ottomane herumliegen. Es gab vor Jahren einige sehr reiche griechische Reeder (einer heiratete sogar die Witwe eines US-Präsidenten). Wie hatten die das bloß geschafft? Waren reicher als viele Deutsche. Verkehrte Welt. In Essen hängt beim „Leuchtturm“ Zeche Zollverein der Haussegen schief, der reiche Scheich hat seine Rate nicht bezahlt. So what! Bei der Firma Thyssen-Krupp ist der Iran beteiligt. Sind „wir“ denn arm? Wir sind arm dran, denn Thyssen-Krupp baut die U-Boote für Israel, mit denen ggf. der Iran … – wir sind wirklich arm dran. Und das ist unser Problem. Vor allem, weil wir Angst haben, dass wir ebenfalls abstürzen – wie jetzt Japan. Das darf doch nicht wahr sein!

(Ulrich Straeter)

...........

 Ansprüche – Ansprüche  

Wer arm ist, ist nicht reich

Wer reich ist, kann arm sein

Wer eigentlich definiert den Zustand,

den augenscheinlich lebensentscheidenden.

 

Es ist die Materialschlacht allerortens!

 

Ein feiner Charakter (wie altmodisch doch),

besaß alle menschlichen Tugenden

bestach durch sein Sein – und das war genug

um reich zu sein.

 

Verlorengegangen, weggewühlt, untergegraben und fortgespült

der Wert überhaupt ein Mensch zu sein - ein Jammertal

in dem wir eingepfercht in vergitterten Bahnen unser Dasein fristen.

 

Ideele Befreiung ist angesagt!

 

Besinnung und Zeit für die Fülle des Lebens

das Gespür aus den unteren Schichten erheben

abstreifen das stählerne Korsett.

(Irena Bischoff)

...........

 

Entwurf für ein neues Grundgesetz.

Artikel 1 – 5

(1) Die Börse ist unantastbar. Sie zu schützen und zu fördern ist die oberste Verpflichtung staatlicher Gewalt.

(2) Die Börse hat ein uneingeschränktes Recht auf freie Entfaltung ihrer Aktivitäten.

(3) Alle Teilnehmer der Börse, daneben auch Banken und andere Finanzdienstleister sowie Kapitalgesellschaften haben gleiche Rechte und unterliegen nur den Gesetzen des Marktes.

(4) Die ungestörte Ausübung von Finanztransaktionen wird von Seiten des Staates gewährleistet. Proteste dagegen sind behördlicherseits zu unterbinden, notfalls mit Gewalt.

(5) Gewinne aus Finanztransaktionen sind zu privatisieren, Verluste zu sozialisieren.

(f.d.R. Horst Landau)

 

(17.10.2012)

(Kommentar zum Artikel schreiben)

Die Septemberfrage:

"Brauchen wir den Umgang mit Tieren, um uns als bessere Menschen zu fühlen?"

Tier und Mensch.

Ich weiß nicht genau, wie sich andere Menschen im Umgang mit Tieren fühlen; ich selbst fühle mich da („als Mensch“) eher unwohl und dies aus verschiedenen Gründen:

1. Vor größeren Tieren habe ich eine kreatürliche Furcht, sie könnten mich beißen oder sonstwie verletzen ... (Horst Landau, Fortsetzung folgt)

 

 - Ein kleiner Floh

saß auf dem Klo.

Da kam ein Po.

Das sah der Floh.

war schrecklich froh

sprang auf den Po,

doch rutschte so

und fiel ins Klo.

Ohhh!

Der arme Floh!

(Hans-Martin Große-Oetringhaus)

 

... 2. Ich finde Tiere unhygienisch. Mir ist zwar bewusst, dass mein Organismus unzählige Mikroorganismen beherbergt, von denen viele nützlich sind und einige schädlich. Doch jede Tierart hat ihre eigene Mikroflora, und ich sehe keinen Sinn darin, fremdartige Hautökotope mit meinen zu vermischen ... (Horst Landau, Fortsetzung folgt)

 

- Zwei winzige Mücken

flogen voll Tücken

durch modische Lücken

des Kleids auf den Rücken

und stachen beim Bücken

mit großem Entzücken

der Frau in den Rücken.

So können zwei Mücken

Menschen beglücken,

die modisch sich schmücken.

(Hans-Martin Große-Oetringhaus)

 

... 3. Die Beobachtung von Tieren erinnert mich auf manchmal peinliche Weise an die jahrmillionenlange gemeinsame Entwicklung der Basisinstinkte. Die offenkundige Gier und Schamlosigkeit der Tiere hält mir gleichsam einen Spiegel vor: so (tierisch) bin ich im Grunde auch! - Aber so genau möchte ich das denn doch nicht ständig vorgeführt bekommen. Ich kultiviere meine spezifisch menschlichen Besonderheiten und sehe mich, nach den von mir gewählten Kriterien, wenigstens als „besseres Tier“: etwas intelligenter, etwas diskreter, etwas hygienischer (ich beiße auch niemanden). Ein „besserer Mensch“, was immer das sein mag, bin ich dadurch freilich nicht ... (Horst Landau, Fortsetzung folgt)

 

- Ein Herr mit Scheitel und Krawatte,

der auch Manschettenknöpfe hatte,

der geht nun schon seit dreißig Jahren

zu einer Bank, um Geld zu sparen.

Als nun sein Konto groß genug,

setzt er sich in den nächsten Zug

und fährt mit ihm nach Irgendwo.

Dort eilt er schnurstracks in den Zoo.

Sein größter Traum seit eh und je:

ein Löwe auf dem Kanapee.

Er nimmt das Tier an eine Leine

und gibt dem Wärter ein paar Scheine.

Dieser nimmt sie dankend an.

Herr und Löwe gehen dann.

Sein Lebenstraum ist nun erfüllt.

Von Zeit zu Zeit der Löwe brüllt.

Der Herr denkt: welch ein guter Kauf.

Der Löwe frisst ihn später auf.

(Hans-Martin Große-Oetringhaus)

 

... Andererseits: sind Landwirte, die ständig mit Tieren zusammen leben nun „bessere Menschen“ – oder fühlen sie sich als solche?

Ich glaube, solche Fragen stellen sie sich gar nicht: sie haben vermutlich ein ziemlich pragmatisches Verhältnis zu Tieren und sehen, wenn sie sie aufziehen, ernähren und pflegen, in ihnen wohl vor allem eine wirtschaftliche Investition, die sich über einen längeren Zeitraum (Milch, Eier, Wolle) und schließlich mit der Schlachtung auszahlt. - Aber ein Städter, der, wie ich, tierische Produkte konsumiert, hat sicherlich auch nicht das Recht, sich ihnen gegenüber als besserer Mensch zu fühlen; ein Vegetarier vielleicht schon eher ... (Horst Landau, Fortsetzung folgt)

 

- Fluschflausch, der Koalabär

kam weit von Australien her.

Und zum Frühstück liebte er

Eukalyptusblätter sehr.

Darum nahm der kluge Bär

Blätter mit sich übers Meer.

Doch schon bald erschrak er sehr:

Alle Taschen waren leer.

Hastig stülpte unser Bär

sie nach außen, hin und her.

Doch kein Blatt war darin mehr.

Fragt im Laden: „Lieber Herr,

Eukalyptus, bitte sehr!“

Der Verkäufer zu dem Bär:

„Sowas führen wir nicht mehr.

Der Import ist ziemlich schwer!“

Fluschflausch wünschte sich da sehr:

„Wenn ich bloß zuhause wär!“

(Hans-Martin Große-Oetringhaus)

 

... Doch wie fühlen sich Menschen, die mit einem Tier in Hausgemeinschaft leben?

- Ich kann darüber nur spekulieren: genießen sie die Macht, die sie über das Tier haben, das ja völlig abhängig von ihnen ist? - Gibt es ihnen in einer Zeit, in der menschliche Beziehungen immer schwieriger werden, weil Menschen in der modernen Gesellschaft immer komplexere Bedürfnisse entwickeln, die sich in einer nahen Beziehung mit anderen Menschen nur schwer in Übereinstimmung bringen lassen, ein gutes Gefühl, wenn sie mit einem einfacher strukturierten Wesen zusammen leben? Und fühlen sie sich, weil sie für ein Tier sorgen, als bessere Menschen? - Nun, falls sie so fühlen, sei ihnen das gegönnt!

(Horst Landau)

 

 

Hündick

Leckt’s Hündchen dem Herrchen genüßlich
das Händchen, gefällt’s dem gewißlich.
Doch jählings der Hund
sein Beinchen hebt und
das Weitere ist nur noch mißlich.

(Tobias Zynglein)

 

 

Und noch einmal ....

„Brauchen wir den Umgang mit Tieren, um uns als (bessere?) Menschen zu fühlen?“

Aua! Wer kam denn auf so eine (dämliche) Frage? Nicht genug damit, dass ich momentan selbst tief genug in meiner ganz persönlichen Sinnkrise stecke, nein, da wird auch noch nach meiner Liebe zu etwaigen Tieren gefragt Aua! Nein, wirklich nicht! Meine Antwort heißt klipp und klar und simpelst: „Nein! Ich brauche den Umgang mit Tieren (nicht auch noch), um mich als besserer oder noch schlechterer Mensch zu fühlen!“  ... (Josef Mahlmeister, Fortsetzung folgt ...)

 

- Auf den Hund gekommen…     

Und nichts dazu gelernt!

Er gehorcht aufs Wort – wenn nicht,

darf ich ihn anschreien und mal schlagen

er lässt sich leicht bestechen, kraulen, tragen –

ein wahrhaft manipulierbares Ding

beim Menschen bin ich gescheitert damit

 

Hab mich zurückgezogen

frön meiner Lust ganz unverblümt

im Kämmerlein, auf weiter Flur

herrlich, solch ein unverbrüchlich treuer Hund.

(Irena Bischoff)

 

... In Deutschland, als Hartz-IV-Empfänger, ist ja wohl jeder froh, wenn er monatlich seine eigene Existenz, inklusive Nahrungsbedarf und aller Sozialleistungen aufrechterhalten kann. Wer nicht obdachlos werden möchte, muss parat stehen! Da gibt es kein Wenn und Aber mehr! Früher, ja früher, da war alles noch viel besser. Die strikte Trennung von Wohngeld und Sozialhilfe ermöglichte noch die Nutzung von Zwischenräumen.  Heute muss selbst der Geringverdiener zugeben „Hartz-IV-Empfänger“ zu sein. Gilt somit sogleich als Ausschuss der deutschen Gesellschaft und fühlt sich meistens auch so! Wer es da noch zu etwa bringen will, der muss unehrlich werden. Der sollte erst einmal alle Spiegel zerstören, um am darauf folgenden Tage ein gesichtsloses, wiewohl aber vielleicht Gewinn bringenderes Leben zu beginnen. Ob Deutschland im Umgang mit Tieren besser, sprich: lebenswerter würde? Nun, ich begegne alleine am Südbahnhof allabendlich genug Tieren, die sich über die Reste unserer Gesellschaft hermachen. Aber fühle ich mich deshalb besser? So nah in ihrer Gesellschaft und doch froh sie nicht direkt am Hals zu haben... (Josef Mahlmeister, Fortsetzung folgt ...)

 

- Bevor ich mich zum Affen mache,

Denk ich, es ist wohl Menschensache,

Klar anzuzeigen Tier und Wild,

Wer hier als Herr der Wesen gilt.

Bin schließlich doch kein dummer Hund,

Und steh‘ mit Gott in einem Bund.

Bin weder Esel noch ein Schaf,

Die viel zu dumm und viel zu brav

Schlicht hinter ihren Herren trotten.

Kann mich mit Mensch zusammenrotten,

Und zeigen allen weit und breit

Die größte Überlegenheit.

So hab ich tierisch viel erreicht,

Selbst wenn es menschlich längst nicht reicht.

(Karl Feldkamp)

 

... Nein, ich liebe Katzen und auch Hunde in einer bestimmten Größe. Tiere, die alltäglich mein Leben bestimmen würden, nein, die muss ich nicht mehr haben. Mein Sinn, um mich als besserer Mensch zu fühlen liegt in zahlreichen Regalen. Hin und wieder benutzt und ab und an auch verstaubend. Aber dieser Sinn wird bleiben. Auch wenn ich nicht mehr sein werde, und mir die Tiere gezwungenermaßen auf die Pelle rücken werden. Ja, dann einst dort tief unter der Erden ... (Josef Mahlmeister, Fortsetzung folgt ...)

 

- Von „affengeil“ bis „Zirkuspferd“
gebrauchst du jedes Tier
um alles Tierische in dir
den Tieren anzuhängen

Willst deinen Stallgeruch verdrängen
der dir bei jedem Wort und Schritt
geblieben ist - und machst doch mit
wenn sie es viehisch treiben

Du hättest soo gern einen Hund
der dich akzeptiert, nur dir apportiert
dir nach dem Munde kläfft
den Affen, der dich äfft

In dir leb ein Instinkt
der dich zu Tieren zwingt
zu Ahnen deiner Ahnen
die dir sehr ähnlich sind

Liebst Hunde, streichelst Katzen
beneidest Tiger um ihre Tatzen
die Vögel um ihre Freiheit
und gibst deinem Affen Zucker

Anfangs heulst du noch mit den Wölfen
später werden die Tiere zahmer
Elefanten mutieren zu Mücken
bis dir der Maulwurf die Landschaft zeigt

Am Mausmodell haben sie dir bewiesen
warum dein Brüllen ein Ende hat
dann wünschst du dir Katzenpfötchen
um dich leise davonzustehlen

Zwischen Eulen und Fledermäusen
verlierst du den aufrechten Gang
aber endlich gelingt es, du stehst
unter Naturschutz

(Bernd Kebelmann)

 

... Aber noch lebe ich und erfreue mich auch gänzlich ohne eine weitere Lebensform neben mir meines kargen Lebens. Hurra! Hurra! Ich bin noch da! Und wenn ich dürfte und könnte, oh ja, gewiss, ich würde dafür sorgen, dass das eine oder andere Tier nicht mehr mitteilen würde, dass es neben mir existiert. Gurrende Tauben vor dem Fenster! Kläffende Miniköter auf der Hundewiese! Oder diese nächtlichen Spaziergänger am Kölner Südbahnhof! ... (Josef Mahlmeister, Fortsetzung folgt ...)

 

- TIERLIEBE:

Im Bus

ein Paar

mit Tier,

ein Hund

rat ich,

ein Dackel?

eine Ratte?

Schnauze spitz

„Platz!“ - „Sitz!“

ein Rackel?

eine Datte?

Racker, Rackel

Schnackel, wackel- (Bus)

die Frau gibt Kuss

das Tier genier

Genuss im Bus?

behaglich fraglich

(Otto Vowinckel)

 

... Mein Leben könnte ich gerne, und als noch viel besserer Mensch, auch gut ohne alle diese Tierarten um mich herum abreißen. Denn: was macht einen gesunden Turn-Schuh noch besser, wenn er die unliebsame Bekanntschaft der Hinterlassenschaft eines „Tieres“ machen durfte? Nichts. Rein gar nichts! Heute nicht, morgen nicht, nicht bei mir und auch nicht bei allen anderen Herren und auch nicht bei Damen!

(Josef Mahlmeister)  

 

(11.9.2012)

(Kommentar zum Artikel schreiben)

Becker, Anni Rosemarie 10.10.2012 19:55:22

Habe leider jetzt erst die Frage und ihre Kommentare gelesen.
Wie bin ich froh, dass die Leute der Tierschutz-Vereine, die viel Zeit und Geld opfern, diesen Schwachsinn (hoffentlich)nicht lesen
werden.


Die Augustfrage:

 

Spurensuche: Wie viel Heimat braucht der Mensch?

 

 

Hi

M a a t !

 

Wie wärs denn

mit uns  mal kurz ankern

 

mir ist so

zum ahoi len zumut

und meine Gegenwindtränen

zusammen mit deiner

salzigen Gischt

 

(Barbara Ming)

 

 

Manche halten Heimat noch für ein Phänomen, von dem sich vor allem sentimentale ewig Gestrige nicht trennen wollen. Sie wird rein emotional irgendwo zwischen dem vermutet, was deutsche Heimatvertriebene für ihren geliebten Geburtsort empfinden, und dem Zuhause in sich, das Psychotherapeuten und Esoteriker zugleich bejubeln.

Ich halte Heimatgefühle für die Emotionen der Zukunft.

Denn auch der moderne Mensch benötigt eine Basis und ist neben allen Neuerungen, die täglich auf ihn einstürmen, vor allem ein Gewohnheitstier. Und Heimat ist nun einmal überall dort, wo Gewohnheiten am schönsten und gewohntesten sind.

Gerade im Zeitalter der Globalisierung scheint der zeitlich und örtlich flexiblere gegenüber dem ortsbeständigen Zeitgenossen marktwirtschaftlich und evolutionär überlebensfähiger zu sein. Somit werden örtlich gebundene Heimatgefühle vor allem für „global player“ eher zur Last.

Mancher hält daher längst virtuelle Sozialsysteme für seine Heimat. Kann er sie doch per tragbaren Kleinstcomputern fast überall dorthin mitnehmen, wo er sich ins heimatliche Netz einzuklinken vermag. So kann der so genannte User mit seiner Familie und mit alten Freunden Verbindung aufnehmen und sogar neue angenehme Gewohnheiten entwickeln, die von einem äußerst heimatkundigem Computerkommunikationsfachpersonal ständig erweitert werden.

 

Nach Ansicht diverser wissenschaftlicher Pessimisten gilt unser Heimatplanet ohnehin als untergangsgefährdet. Doch immerhin verfügen demnächst einige zukunftsorientierte Menschen über die finanziellen und technischen Möglichkeiten, auf einen anderen Planeten auszuweichen. Sie könnten bald als moderne Heimatvertriebene auf Mond, Venus oder Mars überleben.

Und da es künstliche Satelliten gibt, die ihnen selbst dort Heimatgefühle auf ihre Bildschirme funken, muss sich keiner von ihnen Sorgen um seine emotionale Gesundheit machen.

Die Computer auf der Erde werden das schon schaffen. Auch jetzt verstehen bereits einige von ihnen ohne zusätzliches menschliches Einwirken angeblich mehr von Gefühlen als die alten Erdenbewohnern und die neuen Mond-, Venus- und Marsmenschen.

Heimat hat offensichtlich überall Zukunft. Nur in der alten Heimat nicht.

(Karl Feldkamp)

 

Wie viel‘ Stunden denkt er nach?

Wie viel Sehnsucht legt er brach?

Wie viel Freude speist sein Wort?

Wie viel Nähe trägt ihn fort?

 

Wie viel Trauer bohrt sein Leck?

Wie viel Freiheit läuft ihm weg?

Wie viel Hoffnung gräbt er ein?

Wie viel Lüge prägt sein Sein?

 

Wie viel Wahrheit hält er aus?

Wie viel Frieden wirft er raus?

Wie viel Liebe tränkt sein Hemd?

So viel Seele ist ihm fremd …

(Kirsten Annette Vogel)

 

Vor meiner Einschulung im Frühjahr 1948 zog eine Familie mit Sohn Jürgen ins Haus ein. Vertrieben aus Königsberg/Ostpreußen. „Sie haben ihre Heimat verloren. Schrecklich!“, erklärte mir meine Oma. Vielleicht weint die Frau deshalb manchmal, dachte ich, weil sie keine Heimat mehr hat. „Haben wir eine Heimat, Oma?“ „Aber sicher, mein Dummchen. So weit dein Auge reicht, ist unsere Heimat. Ganz Gladbeck, das ganze Ruhrgebiet, ganz Westfalen. Hier bist du geboren.“ „Aber du bist doch in Ostpreußen geboren. Hast du auch deine Heimat verloren?“ „Ach, mein Sonnenschein, dass ist doch etwas ganz Anderes. Wir wurden nicht vertrieben, sondern sind schon 1907 hierher ausgewandert, damit es uns allen besser gehen sollte. Ich habe mich von Anfang hier wohlgefühlt.“ „War es denn in Ostpreußen nicht schön?“ „Von der Schönheit allein kannst du nicht gut leben. Hier haben wir ausreichend Wohnraum, gute Arbeit, Gartenland und ein milderes Wetter. Hier habe ich geheiratet, meine sieben Kinder großgezogen, kann Schweine, Schafe und Hühner halten. Das alles ist mein Zuhause, meine Heimat – unsere Heimat.“ Wie leicht mir wurde. Ich musste nicht weinen, ich hatte ja eine Heimat.

In der 4. Klasse der Volksschule stand Heimatkunde auf dem Stundenplan. Wie ich dieses Fach liebte! Lehrer Block zog mit uns durch Gladbeck, zur höchsten Erhebung, zur niedrig-sten Stelle. Er lehrte uns, nach einer Karte zu gehen, das Auge für die Schönheiten der Landschaft und der Zechen offen zu halten. „Das alles ist eure Heimat, für jeden von euch, ob ihr nun hier geboren wurdet oder in Schlesien und Ostpreußen. Ihr seid alle Kinder Gladbecks und des Ruhrgebiets!“ Das musste ich unbedingt der Oma erzählen. Ob dann auch irgend-wann Jürgens Mutter nicht mehr weinen würde, weil auch ihr Sohn  ein Kind Gladbecks war?

Studium, Arbeit und Heirat führten mich nach Berlin, England, USA. Köln und Frankfurt und für alle Orten entdeckte ich in mir heimatliche Gefühle. Meine Eltern und Oma wohnten weiterhin in Gladbeck, die ich so oft wie möglich besuchte. Im Herbst 1977 zog ich mit Mann und zwei kleinen Söhnen in ein Dorf der Eifel. Voreifel sagen einige dazu.

Die Eifel! Ich liebe diese sanften Hügel, die weiten Täler, die vielen Dörfer und kleinen Städte, den Klang des Eifeler Platts, die Trompetenrufe der Kraniche im Frühjahr und Herbst, wenn sie über uns fliegen, die Zeugnisse der Römer-, Kelten- und Germanenzeit wie die Matronenheiligtümer in Nettersheim und Pesch. Von hier weggehen wollen? O nein!  Weg-gehen müssen? Eine schreckliche Vorstellung!  Dann würde ich wie Jürgens Mutter weinen.

(Gudrun Nositschka)

 

Auf fatale Weise hieß es einmal: »heim ins

Reich«,

heimwehkrank

suchen wir jetzt die Krümel der

Heimat, ehemals.

 

Heimaltjefühle kommen uns wohl schon an

in

der Flüchtlings- und Vertriebenensiedlung

am

Schöppinger Berg

 

Krimelchen

 

(Winfried Pielow)

 

Haltestelle Drostenbusch

(Essen-Katernberg 1990)

 

Die Blumen des Nordens

in schwarzem Zweireiher

und stone-washed Jeans

oder grellbunt in Synthetics

die Haare kurz – das ist jetzt in –

mit verlangenden Augen

im Licht des ersten Frühlings

blühen sie dort im Dunst

der Kokerei Zollverein

warten auf die Siebenundzwanzig

nach Gelsenkirchen zur Disco

 

 

„Heimatwechsel oder Das Pils ist uns geblieben“ – Kommentar zum Gedicht (2012):

Die Haltestelle wurde umbenannt in „Zollverein“, die Farbe „Schwarz“ hat sich stark durchgesetzt, inzwischen gibt es schwarze Sonnenschirme, schwarze Kinderwagen, schwarze Kinderkleidung und schwarzes Waschpulver.

Im Gegensatz dazu hat das „Schwarze Gold“, die Kohle, uns verlassen. Zweireiher sind wohl eher out, die Haare, na, ja, gemischt. Die verlangenden Augen sind geblieben und das Licht des ersten Frühlings (wenn die Autoabgase es zulassen). Der Dunst der Kokerei ist verschwunden, da nach der Zeche Zollverein XII auch die Kokerei stillgelegt wurde (nachdem kurz vorher die Ruhrkohle AG noch einige Millionen für die Sanierung kassierte), Der Gesamtkomplex stellt heute als UNO-Welterbe ein Ausflugsziel dar. Die Linie 27 gibt es nicht mehr, auch nicht als 127, nur noch die Linie 107, die damals unter der Linienbezeichnung 7 fuhr. Die Linie 107 verbindet als „Kulturlinie“ (sic! Kulturhauptstadt 2010) zwei Städte (das ist selten im Ruhrgebiet) vom Essener Süden bis zum Gelsenkirchener Hauptbahnhof. Das soll sich ändern: die Linie wird wegen neuer Fahrzeuge am Hauptbahnhof Essen gebrochen und in die Linien 107 und 108 aufgeteilt. Wer vom Essener Süden nach Katernberg will, muss umsteigen.

Nach Gelsenkirchen zur Disco? Das wird wohl immer noch gehen, auch wenn das eine oder andere Etablissement gewechselt hat.

Die „Welt“ kam in unsere Heimat – die Erwartungen sind hochgespannt, die Menschen skeptisch.

Es wird um die „Heimat“ gekämpft werden müssen, damit nicht wie üblich einige wenige die Vorteile von den  Veränderungen haben und die Mehrheit dafür zahlen muss. Einfamilienhäuser sollen abgerissen werden, damit dort teure Nobelwohnungen entstehen können. Die Arbeitslosenzahlen sind gestiegen, der Bergbau findet im Museum statt und das Stahlwerk steht in China.

Deshalb:

Nicht ins noble „Casino“ auf Zollverein, sondern ins urige „Fünf-Mädel-Haus“ im Stadtteil,

dort schmeckt das heimische Pils besser!

 

(Ulrich Straeter)

 

 

Heimaten

sind fast immer die Orte

die wir hinter uns lassen

freiwillig, unfreiwillig

oder wie nebenbei

 

Heimaten

blähen sich mit der Entfernung

bilden Kraftlinien

mit der Zielrichtung

´heimwärts´

 

Heimaten

leuchten am Hellsten

hinter dem Horizont

 

Kommen wir zurück

fällt uns im nächsten Moment

die Decke auf den Kopf

 

Heimaten

singen von Lebensanfängen

Mutter Vater Kind

mahnen an Lebensenden

an zurück gebliebene Alte

 

Heimaten

und Vergangenheiten

kann man am besten beschreiben

dort auszuhalten

braucht es Vereine

 

(Bernd Kebelmann)

 

 

 

(21.8.2012)

(Kommentar zum Artikel schreiben)

Molla Demirel 29.7.2013 22:44:07

Dem Sommer die Arme öffnen

Mit dem Blau des Himmels kleidet sich der See
Die Möven schlagen ihre Flügel
Den schwimmenden grünköpfigen Enten entgegen
Schneereste sind in den Gärten
Ich zittere innerlich

Kinder mit schneeballrunden Augen
Tragen ihre Schulränzen auf dem Rücken
In alter Kleidung frieren ihre Hände
Es scheint, sie würden auf ihrem Rücken
Die Last der alten slovakischen Herren tragen, die vor dem
Sozialismus geflüchtet sind

Diese Möven
Die beflügelten weißen Schneeglöckchen
Verkünden, dass der März seine Arme dem Sommer öffnet
Der Schmerz und die Angst in mir
Vergrößern meine Einsamkeit

Zwei kleine Mädchen, deren Augen wie Rosenknospen erblühen
Fragten mich in der Slowakei nach der Uhrzeit
Sie schauten auf die Armbanduhr an meinem ausgestreckten Arm
Dann bedankten sie sich mit einem Lächeln
Und entfernten sich fort von meinem Schweigen

Nun komm und lösche das Feuer in meinem Herzen
Die Sehnsucht nach meinen Kindern und die Erde meiner Heimat
Stoppe meine Tränen, die mir aus den Augen fließen
Und die Worte, die aus meinem Mund strömen

Mit dem Blau des Himmels kleidet sich der See
Die Möven schlagen ihre Flügel
Den schwimmenden grünköpfigen Enten entgegen
Hoffnung und Angst sind wie Zwillinge
Sie ringen in mir
Und ich beginne zu schmelzen wie eine Handvoll Schnee...

10.03. 2013
Piestany - Slovakya
Molla Demirel


Molla Demirel 29.7.2013 22:43:55

Dem Sommer die Arme öffnen

Mit dem Blau des Himmels kleidet sich der See
Die Möven schlagen ihre Flügel
Den schwimmenden grünköpfigen Enten entgegen
Schneereste sind in den Gärten
Ich zittere innerlich

Kinder mit schneeballrunden Augen
Tragen ihre Schulränzen auf dem Rücken
In alter Kleidung frieren ihre Hände
Es scheint, sie würden auf ihrem Rücken
Die Last der alten slovakischen Herren tragen, die vor dem
Sozialismus geflüchtet sind

Diese Möven
Die beflügelten weißen Schneeglöckchen
Verkünden, dass der März seine Arme dem Sommer öffnet
Der Schmerz und die Angst in mir
Vergrößern meine Einsamkeit

Zwei kleine Mädchen, deren Augen wie Rosenknospen erblühen
Fragten mich in der Slowakei nach der Uhrzeit
Sie schauten auf die Armbanduhr an meinem ausgestreckten Arm
Dann bedankten sie sich mit einem Lächeln
Und entfernten sich fort von meinem Schweigen

Nun komm und lösche das Feuer in meinem Herzen
Die Sehnsucht nach meinen Kindern und die Erde meiner Heimat
Stoppe meine Tränen, die mir aus den Augen fließen
Und die Worte, die aus meinem Mund strömen

Mit dem Blau des Himmels kleidet sich der See
Die Möven schlagen ihre Flügel
Den schwimmenden grünköpfigen Enten entgegen
Hoffnung und Angst sind wie Zwillinge
Sie ringen in mir
Und ich beginne zu schmelzen wie eine Handvoll Schnee...

10.03. 2013
Piestany - Slovakya
Molla Demirel


Demirel, Molla 23.7.2013 11:31:16

Heute fließe meine zarte Seele



Heute ist die alte Zeit,

das alte Jahrtausend zerflossen,

in einer Nacht voller Feste

Ob sie vergessen werden

die Jahre,

in denen sich Tränen mit Blut vermischten,

- ich weiß es nicht



Heute ist der erste Tag des Jahres

im Fenster gegenüber winken wie zwei Tauben

Kinder mit ihren Händen

In mir eine Welt,

die sich mit Liebe füllt



Heute ist der erste Tag des Jahrhunderts

die Städte sind umhüllt von Nebel,

in den Straßen ertönt die Stille

die Last der letzten Nacht des alten Jahrtausend

werfen die Menschen von ihren Schultern

Mola Demirel


 

Die Julifrage:

Hast Du (eigentlich) ein Sinnproblem – oder hat die Gesellschaft ein solches?“

 

Die Antworten:

 

Sinnkrise?

 

Hat der Sinn eine Krise?

Macht die Krise wohl Sinn?

Hat die Krise die Krise?

Macht der Sinn wirklich Sinn?

 

Das sind solche Fragen,

Was soll man da sagen?

- Ja, liebe Kollegen,

Lasst uns überlegen:

 

Besteht der Sinn des Lebens

Bloß in der Suche nach Sinn?

Ist das Leben also vergebens,

Wenn ich einfach nur bin, was ich bin?

 

Und ist etwa das Sein

Vielleicht gar nur Schein?

Wie Platon meinte,

Der’s Dasein verneinte,

Das sei nämlich banal

Gegen das „Ideal“.

Er forderte drum und lehrte:
„Bemüht euch um ewige Werte!“

 

- So etwas glauben auch heute

Noch immer recht viele Leute,

Und darum hört man jetzt überall

Das große Gejammer vom „Werteverfall“;

Mit „Weltanschauung“ und Religionen

Will man keinen Zweifler verschonen,

Und mit uralten Sinn-Angeboten

Fischt man emsig im Meer der Chaoten...

 

Nein, mich kümmert kein Jammern um „Werte“ wie diese,

Denn: gibt’s keinen „Sinn“, gibt’s auch keine „Krise“.

Ich jedenfalls brauch’ keinen höheren Sinn:

Mir genügt, dass ich bin!      

Horst Landau

.......................................

 

Im Senioren-Wohnstift „Glücklicher Ruhestand“ führte unser Reporter Karl Feldkamp ein Kurzinterview mit zwei Senioren, die unter ihren Mitbewohnerinnen und Mitbewohnern als ausgesprochen altersweise gelten.

 

Feldkamp: Herr Weismann und Herr Kluge, Sie sind beide über 75 Jahre alt. Ihre Mitbewohner hier im Stift schätzen Sie wegen Ihrer besonderen Altersweisheit.

Alois Weismann: Ach, wissen Sie, wir sind zwar alt doch weder vernünftig noch weise.

Wir sind nur vergesslich und können uns leider öfter einmal an Dummheiten, die wir noch begehen wollten, nicht mehr so recht erinnern.

Franz Kluge: Genau. Gerade im Alter besteht sinnvolles Leben angeblich nur darin, sich keinen Unsinn mehr erlauben zu können. Doch manchmal vergessen wir uns. Und dann … Aber dafür haben wir unser Pflege-Personal, das Schlimmeres verhindern soll. Die kriegen immer mal wieder die Krise.

Feldkamp: Sie haben also kein Sinnproblem sondern Schwierigkeiten damit, Unsinn zu machen?

Franz Kluge: Nun ja, glauben Sie denn wirklich, vernünftiges und sinnvolles Leben ist so erstrebenswert?

Alois Weismann: Spaß haben wir hier im Altenstift, wenn wir mal so richtig Unsinn machen und das Personal sich nicht mehr gegen uns alberne Alte zu wehren weiß. Wenn die uns hier hilflos als spätpubertierende Greise beschimpfen, dann haben die eine Sinnkrise. Nicht wir.

Feldkamp: Aber von würdigen Alten erwartet die Gesellschaft doch eigentlich ein anderes, ein vernünftigeres Verhalten!?

Alois Weismann: Sicherlich. Aber denken Sie denn, Würde und Vernunft machen Spaß? Immer mit ernstem Gesicht herumsitzen und gelegentlich milde lächelnd. Ich schütte mich lieber aus vor Lachen.

Franz Kluge: Eine Gesellschaft, die nichts mehr zu lachen hat, ist in der allertiefsten ihrer Krisen.

Feldkamp: Meine Herren. Irgendwie fühle ich mich von Ihnen nicht ganz ernst genommen

Alois Weismann: Sehen Sie, jetzt haben Sie eine Sinnkrise, nur weil Sie von falschen Erwartungen ausgegangen sind.

Franz Kluge: Und wir? Wir machen weder Sinnvolles noch haben wir damit die geringste Krise. Wir haben Spaß.

Feldkamp: Ich danke Ihnen für das aufschlussreiche Gespräch und überlasse Sie jetzt wieder Ihrem Personal.

 

Karl Feldkamp

...................................

 

Sinn oder Unsinn  

 

Immer mal wieder so zwischendurch im Leben      

verlässt er mich der Sinn des Seins, der Sinn des Tuns

am leichtesten geht’s da doch mit dem Unsinn

du bist nur einfach da, springst durch die Welt

mit vielen Farben, Lachen und dem kleinen Glück.

 

Dann schlägst du auf!

Die anderen sorgen sich um sich.

 

Der Sinnes-Rahmen fest gesteckt, ganz ohne Schlupfloch

eingepresst in Schwarz und Weiß, in Werte und Moral.

Du fügst dich ein ins Grau der Zeit – Freudlosigkeit sei dein Gesell

funktionieren, präparieren, Altersarmut, Wirtschaftlichkeit.

 

Sie lassen dich nicht sein!

Die anderen sorgen nicht für dich.

 

Spätestens dann, nach einer ganzen Weile Lebenszeit

da ahnst du es: 

Der Sinn des Hierseins…ist der Unsinn.

 

Irena Bischoff

..................................

 

Aussagen

„Ist Dir die Sprache abhanden gekommen, wird es Dir schwer fallen, einen Pups als relevante Aussage einzuordnen. Eher werden Dir solche Äußerungen als Bestätigung dienen.“

„Bestätigung wofür?“

„Du hast Dich inzwischen daran gewöhnt, dass Aussagen grundsätzlich nicht mehr nötig sind – aus welchen Gründen auch immer.“

„Aussagen? Welche Aussagen?“

„Als bräuchte die Welt gerade Deine Aussagen! Die Natur wird ohne sie existieren, die Zerstörung der Welt durch die Klugheit der Besserwisser wird fortschreiten. Dass Du nun schweigst, ist eine Art von Siegel: So sei es! Ja, so wird es laufen! Vielleicht sogar eine Form der Solidarität mit dem Untergang.“

„Sarkasmus, mein Lieber! Dieser Sarkasmus ist selbstzerstörerisch. Können Worte nicht als Verteidiger der Schöpfung eintreten?“

„Können Sie! Ja, sie könnten durchaus – für den Fall, dass Du der Sprache mächtig bist – und das Maul aufmachen möchtest.“

„Du formulierst Aussagen, die keinen Sinn machen. Du suggerierst, Du seist sprachlos – tatsächlich formulierst Du kluge Sätze.“

„Wohl wahr, mein Lieber. Beinahe jedenfalls! Ich meine meine Existenz als Autor. Ich habe etwa fünfzig Bücher geschrieben oder herausgegeben. Nun stelle ich fest: Ich habe nichts dazu gelernt – jedenfalls nicht als Autor, denn ich traue mich nicht mehr, weitere Aussagen zu machen.“

„Nun willst Du in Zukunft die Klappe halten oder solche Sätze formulieren?“

„Weiß nicht. Vielleicht werde ich Aussagen über den Verlust meiner Sprache suchen und sie – je nach Intelligenz – bewerten, um sie zu vergessen zu können oder zu veröffentlichen!“

 

Norbert Kühne

.....................................

aus den achtziger jahren

(nach Ernst Jandl)

 

deutsch da deutsch hier deutsch da

kanzler klingt

 

krach bumm

mauer fiel um

 

bla bla bla bla bla

zehn punkte gelogen ins programm

 

whooommmmmmmm

ging die bombe hoch

 

baaaaank baaaaank

bananenrepublik deutschland sein sehr krank

 

Tja, die Gesellschaft, unsere Gesellschaft, hat sicherlich ein Sinnproblem, sonst müssten wir als Autoren und Autorinnen uns ja nicht mit den Sinn-Fragen beschäftigen. Das Hauptproblem ist die Frage, welchen Sinn der Einzelne denn in Bezug auf unsere Gesellschaft vor Augen hat. Welchen Sinn gibt er/sie seinem/ihren Leben und dann auch der Gesamtheit der Leben oder des Lebens im Staat oder sogar auf dem Globus. Die Bundesrepublik ist sehr krank. Es fällt auf, dass vielen – natürlich in erster Linie auch Politikern/innen – dies nicht bewusst ist. Der Sieg des Kapitalismus über den bösen Sozialismus (obwohl, da sind immer noch diese seltsamen Chinesen und die eisenharten Kubaner und auch der unbelehrbare Chavez in Venezuela) scheint sich immer mehr zu einem Pyrrhus-Sieg zu entwickeln (zu Pyrrhus: s. dort). Kurz nach dem vermeintlichen Sieg stellte sich heraus, dass es zunächst keinen Gegner mehr zu geben schien. Alles, was geschah, war nun Schuld des Kapitalismus. Das war unangenehm. Schon Schüler sagen stets: Ich war’s nicht! Also erfand der Kapitalismus, an vorderster „Front“ die USA mitsamt der NATO (zu der auch unsere BRD gehört), den „Terrorismus“. Dieser Gegner bleibt uns, denn er ist nie zu besiegen. Die Politik braucht seit uralten Zeiten einen äußeren Gegner wegen der Innenpolitik. Irgendwie muss man die eigenen Leute ja zusammenschweißen, nämlich durch Angst. Da dann viel Sicherheit erforderlich ist, kann man z. B. den Abbau demokratischer Rechte vorantreiben (s. Verbot der meisten Occupy-Veranstaltungen in Frankfurt oder das Außerkraftsetzen vieler Grundrechte vor Heiligendamm). Die Gefährdungen unserer Sicherheit müssen nicht wirklich existieren, es genügt deren Behauptung.

Und langsam frisst sich dieser Krebs in unser gesellschaftliches Gefüge, was man auch bei vielen Medien beobachten kann, nicht nur bei der Jubiläumsausgabe der BLÖD-Zeitung zu ihrem 60sten Bestehen, die an alle Haushalte verteilt wurde. Aber durch speziell diese Zeitung zeigt sich der Krebs manchmal an der Hautoberfläche, wobei ich die ARD, den WDR und Frau Piel nicht von ihrer Verantwortung entbinden will. Sehr viele Menschen sind mit dem real existierenden Kapitalismus nicht oder nicht mehr einverstanden (spätestens seit der Finanzkrise, die in erster Linie die Sparkonten gefährdet). Die meisten Menschen haben allerdings keine Vorstellung einer Alternative (auf das dumme Gerede der Bundeskanzlerin, dass es keine Alternative gäbe, muss man nicht achten). Allerdings wollen diese Menschen auf Vorschläge, die es durchaus gibt, nicht hören. Das Wort Sozialismus ist obsolet, obwohl Menschenrechte, menschenwürdiges und sozial gerechtes Leben sowie eine Demokratie mit echter Mitbestimmung nicht schlecht wären.

Aber „die Bananenrepublik Deutschland sein sehr krank!“. Fazit: Ich habe kein Sinnproblem, die Gesellschaft schon… 

 

butzemann

Ulrich Straeter

 ................................

 

Kontingenz

Tummeln wir uns
womöglich
auf einem Versuchsfeld
höllisch vermint

wo Labormeisters Sohn
den Unfalltod stirbt

wo des Teufels
die Freiheit ist
zu manipulieren
die emanzipierten Menschen?

Nein - nicht einmal das

Sündenlos sind wir
Kinder des Zufalls
zerbröselnder Staub

am äußersten Rand
einer Welt

die das Nichts gebar


Der Dichter

Wer sich auf den Weg
des Diskurses begibt
verliert sich
in der Wüste der Kontingenz

Im Grunde ist damit alles gesagt
wovor ein Dichter sich hüten muß

Staunend durchmißt er
die Räume der Wissenschaft
um festzustellen daß
sie keine Ausflucht mehr haben

So bleibt ihm nichts anderes übrig
als in den Glauben zu springen
da wo die Hoffnung keimt
und die Liebe erblüht

Der Rest ist Leiden
Lebens Erfahrung
Handwerk und Glück


Ludwig Verbeek
...............................

"Hast du eines?", fragte ich Matti; er ist zwei Jahre alt.
"Habe Hunger", sagte das Kerlchen, zeigte auf seinen Bauch und begann zu futtern.
"Hast du eines?", fragte ich Sandra, unser Nachbarmädchen.
"Wozu ist das da unten?", fragte sie zurück, zeigte an ihrem Körper noch ein wenig tiefer, grinste, leckte sich langsam die Lippen und trollte sich, als ich verlegen schwieg.
"Hast du eines?", wollte ich von jemand wissen, der mir in der Bahn gegenübersaß, etwas über Zwanzig, dunkler Anzug, farbiger Binder, das Smartphon griffbereit, ein Klischee seiner selbst …
"Wenn du Geld brauchst, Alter, dann musst du es dir verdienen".
"Haben Sie eines?", fragte ich leise, als wir an einem Schalter nebeneinander standen. Sie war eine Dame und irritiert; dann aber siegte ihr Herz: "Sie haben Glück, junger Mann, hier ist etwas Kleingeld".
Mein alter Postbote war verblüfft, als ich die Sinnfrage stellte. Bisher hielt er mich für vernünftig. Daher entschloss er sich dennoch, mir seine Seele zu öffnen, er sagte, "Ich hasse Hunde". Jetzt hatte ich vier Begriffe, Hunger, Sex, Geld und Hass. Ergaben sie einen Sinn?
Sie machten Probleme, lösten Probleme, aber nur bis zum nächsten Anfall. Außerdem, wo blieb die Liebe; machte sie keinen Sinn mehr, schaffte sie keine Probleme? Noch eins, wo blieb die Gesellschaft, die ich hätte fragen können? Ich ging noch einmal los.
Unter der Brücke traf ich die erste, eine dufte Truppe, laut singend; "Habt ihr ein Sinnproblem, Männer?" "Hast du was zu trinken?" – Irgendein Fahrradverein fuhr wieder mal Quer durch Deutschland. Unter der zweiten Brücke hatten sie zu trinken, zum antworten keine Lust. Sie fütterten ihre Hunde.
In der Kirche war ´s still. Ich erinnerte mich, "wo zwei oder drei in meinem Namen …" Der Satz ging noch weiter, wie war das nur? Niemand da, den ich fragen konnte. Immerhin: Stille. Das ist schon Etwas.
Die nächste Gesellschaft - geschlossen. Eine Feier, ein Klub, vielleicht eine Bank, oder eine Sponsorenversammlung? Ich kam nicht an sie heran. Hatten sie ein Problem mit mir?
Ein Türhüter, der Beruf ist uralt, verschränkte die Arme und sagte, "Junge, du fragst zuviel".


Bernd Kebelmann

 

 

 

(21.8.2012)

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Die Junifrage:

 

Wofür steht das vereinte Europa - nur für den
Euro oder für was?

 

 

Europa, sagte ein Philosoph, der noch die alten Sprachen beherrschte, ringt bis heute im griechisch-römischen Stil um Sieg oder Niederlage, ist geistreich, aber will Weltreich sein.

 

Europa, meinte ein Kleriker, ist jüdisch-christlich geprägt und betet, bevor es die Welt erobert, manchmal sogar im Geiste, wenn es nicht anders geht.

 

Europa, erklärte Herr von und zu, war schon immer ein adeliger Flickenteppich; Glanz und Macht haben niemand daran gehindert, die Zollgrenzen zu passieren, wenn er ausreichend Kleingeld hatte und den richtigen Pass. Auch Empfehlungen schaden nichts; daran hat sich nicht viel geändert.

 

Europa, sagte ein Kaufmann, ist sehr viel älter und größer als Montan-Union, EWG oder die EU. Wer dazu gehört, das bestimmen Wir; wir haben das Kapital, also die Deutungshoheit.

 

Europa liegt im Westen!, ruft ein Russlanddeutscher. Es gibt Arbeit und Wohnung und Menschenwürde.

Europa liegt im Osten !, ruft ein Kleinaktionär. Es gibt Rohstoffe, billige Arbeitskräfte, Wachstum und Dividende.

 

Europa ist, wo man Denglisch spricht (außer in Großbritannien), erklärte ein Lehrer den Eltern, oder eine romanische Sprache, oder russisch, Polnisch, Baltisch, Tschechisch, Ungarisch, Finnisch, Dänisch, Slowenisch … - Aufhören, ruft ein deutscher Vater, ich verstehe mein eigenes Wort nicht!

 

Europa ist eine Idee, die wir verteidigen müssen, erklärt ein Politiker der Regierung, vor allem gegen Süden und Osten, und schickt sein Geld in die Ferien, in Richtung Malediven.

 

Europa sind wir!, rufen zahllose Künstler, aber keiner hört ihnen zu. Warum? Sie reden seit langem mit einer einzigen Zunge, dazu noch in vielen Sprachen.

 

Europa!, rufen die Kinder, deren Eltern verschiedene Sprachen sprechen, in dreißig verschiedenen Sprachen. Sie brauchen nur wenige Wörter, um miteinander zu spielen, einander zu verstehen.

 

Europa!, ruft der erstaunte Leser, jetzt habe ich endlich verstanden.

 

Bernd Kebelmann

 

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UNSERE  EURO-PFLANZE

Wenn Völker sie behutsam wiegen

und wachsam auf die Früchte schau’n,

an Wunder glauben und an Frieden

und stille werden, wie sonst kaum:

Dann zeigt der Mensch mit seinen Augen,

die voll Vertrauen auf ihr ruh’n,

dass alle Mühen viel mehr taugen,

sofern sie es mit Würde tun!

 

Peter Weidlich

 

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... nur für den Euro oder für was?

Nur? Nicht nötig, vom Finanzfach zu sein, um auch als halbwegs mündiger Bürger inzwischen begriffen zu haben, wo wir Europäer mit unseren alten Währungen, auch mit der D-Mark, säßen: in einer abgelegenen weltpolitischen Schmuddelecke. Dass uns bei einem solch wahrhaft historischen Unterfangen, wie es der Zusammenschluss derart unterschiedlicher Staaten darstellt, riesige Herausforderungen erwarteten und dies auch weiterhin tun werden, darf uns das wundern? Handelt es sich dabei nicht um einen absoluten Präzedenzfall der Geschichte? Für Präzedenzfälle gibt es keine Anweisungen, keine Gebrauchsanleitungen, keinerlei Rezepte. In wohl überlegtem, behutsamem Vorgehen, Schritt für Schritt, in ständigem „trial and error“, müssen wir uns einen Pfad frei hauen, den Weg erst finden. Hatten wir vergessen, dass so was anstrengend ist? Dass man dabei ausrutschen oder abstürzen kann? Dass man, wie in einer Seilschaft, es nur, aber wirklich nur in Gemeinschaft schaffen kann? Natürlich gibt es auch unter dem Personal solcher Seilschaft (um das Wort Führer zu vermeiden) Fehlbesetzungen… Da hilft kein Meckern und Mosern an Stammtischen, da hilft, sich auf die immerhin vorhandenen Mittel der Demokratie zu besinnen und andere Leute zu wählen. Das geht! Mit Geduld und Augenmaß. Schwer zu entscheiden, ob die Geduld oder das Augenmaß, die Sophrosyne, wie sie von den Alten genannt wurde, das Wichtigere von beiden ist, denn man muss Platons Warnung vor der Demokratie – sie könne bei schlechten Verhältnissen geradewegs in die Tyrannis führen – durchaus ernst nehmen. Das ist der Hauptgrund, weshalb wir in Europa einen möglichst erfreulichen und halbwegs gerechten Wohlstand erstreben müssen (und nicht, damit sich etliche Leute goldene Bestecke für ihre exquisiten Menus leisten können), denn dies stützt unsere demokratische Verfaßtheit. Zur Klärung: Weder unser Euro noch unsere bevorstehende Wirtschaftsregierung bedeutet Gleichmacherei, in der wir unsere italienischen oder niederländischen oder sonstigen Eigenschaften aufgeben müssten. Als ich unseren Kollegen Leon de Winter soeben bei seinem Vortrag anlässlich des Karlspreises in Aachen in einer Art Fabel vom Mietshaus Europa sprechen hörte, in dem er eben nur Niederländer bleiben und als solcher nicht für die armen Schlucker in reparaturbedürftigen Etagen zahlen wolle, konnte ich nur staunen über soviel Naivität (oder Provokationswunsch, wer weiß): Nein, lieber Leon, Ihre Vergleich hinkt total! Sie müssen, um Europäer zu sein, nicht aufhören, Niederländer zu sein! Nebenbei, aber nur zu real, das europäische Haus hat nichts derart „Fabelhaftes“, denn man kann nicht mal eben ausziehen. Und was allzu leicht aus unserem gesättigten Blick zu geraten scheint: Wir Europäer haben im Kerngebiet, unter ehemaligen Erbfeinden, fast siebzig Jahre Frieden. Menschen aus allen Regionen und Zeiten der Erde bewundern und beneiden uns darum. Haben wir da nicht eine Verantwortung, eine wahnsinnig spannende und lohnende Aufgabe, dieses Werk fortzusetzen? Sollten wir nicht aufhören mit unserem lächerlich unpassenden Gemosere angesichts eines Goldenen Zeitalters, in dem wir leben dürfen? Ich schlage vor, einander pfingstlich vielsprachig zu verstehen und ein Glas spanischen Weins zu heben auf Europa! 

 

Monika Lamers

 

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.

 

Aleph = Rind.

 

Ach Europa,
Du schöne Phönizierin,

Entführt und verführt

- Vom Gott?

Oder bloß von dem Stier?

 

Doch wer von euch konnte

Schon schreiben?

Der Stier oder du?

 

Hat etwa der Stier

Dir das beigebracht

Mit dem Huf im Sand

 

- Hinterher?

 

Oder hat doch der Gott

Dir die Hand geführt,

 

Und du hast die Kenntnis

Dann weitergegeben

An deine Kinder,

An uns...

 

Ach Europa,

Warum hast du nicht

Auch Rechnen gelernt!

 

 

Horst Landau

 

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Dass Europa auf einem Stier dahergeritten kam, ist schon lange her. Der Stier war Zeus, heute kommt uns Griechenland wie ein alter Ochse vor, das ist jedoch ein unfreundliches Wort, welches die Solidarität mit einem der schwächsten Glieder in Europa vermissen lässt. Die Idee eines geeinten Europa, sie ist doch besser als die Idee von Nationalstaaten. Die Idee von Europa, sie schwebte schon Heinrich Heine – aber auch Friedrich Nietzsche – vor, könnte im 21. Jahrhundert erfüllt werden, sie könnte aber auch zerbrechen, weil die Bereitschaft, die Belange gemeinsam zu lösen, eben doch nicht so groß ist, wie in der Idee nötig und verpflichtend.

 

Manche glauben, Europa geht unter, das glaube ich (noch) nicht. Doch der Ochse, auf dem einst Laotse ritt, hat sich unterdessen in einen Tiger, nein, in einen Drachen verwandelt, der im Aufwind der Kultur schwebt. Nur der Kultur? Nein, der Wirtschaft vor allem. Der Drache ist ein Wohlstandstier, eine Metapher des Glücks. Schriftsteller dürfen Visionen haben, Politiker eher nicht. Was verbindet Europa? In der Kultur gab es eine europäische Aufklärung, die Idee der Vereinigten Staaten von Europa könnte in der Zukunft vielleicht realisiert werden.

 

Die Chinesen (und alle anderen Pragmatiker) wissen, von nichts kommt nichts. Die Europäer dachten, sie erfinden eine Währung und leben vom Kredit auf die Zukunft, einfacher ausgedrückt vom Pump. Der Euro ist nur dann eine gute Währung, wenn die ‚Mutter aller Entwicklungen‘, die Wirtschaft, die Musik dazu spielt. Nun pumpen unsere Regierungen, die aus wunderbaren visionären Politikern bestehen, die von Bankern und Wirtschaftsmächtigen freimütig manipuliert werden, durch extrem hohe Steuern erlangte und großzügig geliehene Gelder in marode Haushalte, in marode Banken und in marode Länder. Europa muss deshalb (noch) nicht untergehen, es kann weiter so vor sich hin dümpeln. Manche (platonischen) Könige, äh, Politiker werden unvergängliche Ideen von Europa haben, wohingegen den breiten Massen der ‚European Song Contest‘ oder die Fußball-Europameisterschaft schon genügen und ihnen die nötige Hoffnung wie auch die wirkliche Enttäuschung weiterhin frei Haus liefern.

 

Wulf Noll

 

 

 

Euro, Euro…du musst wandern

 

Nichts ist dem Menschen so kostbar

wie sein Eigen-Sein:

sich abzugrenzen ohne Grenzen

sich aufzuplustern im Federkleid

der nationalen Eigenheit

sein wie alle im Konglomerat?

Dabei ginge er unter, ein Pünktchen nur

in vereinter Wirtschaftlichkeit.

Eincent, Zweicent, Fünfcent – beim Griff ins Portemonnai

spürt er`s persönlich: Europa - schon ein Jahrcent diese Sucherei.

 

 Irena Bischoff

 

 

(21.8.2012)

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Beach Wedding Dresses 27.8.2012 08:43:17

Fantastic! Nizza Post, sind Blog meine No.1!

Beach Wedding Dresses


Die Maifrage:

 

Zur Zeit steht dem Hörfunk WDR 3 eine größere Reform ins Haus. Angesichts dieser Tatsache drängen sich folgende Fragen auf:

Können wir mit dem Begriff „Kulturradio“ überhaupt etwas anfangen? Und wenn ja, was stellen wir uns darunter vor?

 

Und hier die Antworten:

 

 „Unser Kulturradio“

 

Unser Kulturradio mag Kultur sehr gerne und zwar so sehr,

dass dunkle Wolken aufziehen, Wortlosigkeit und nur noch Räuspern herrschen würde, wenn sie ihre Sendungen auch anderen Kulturen außer der deutschen widmen.

Unsere Sendungen sind ausdrucksstark, wir bereiten sie vor und nur wir hören sie. Unsere Sendungen bringen uns tagsüber schon die Müdigkeit. Da brauchen wir auch keine Schlafmittel mehr. Zum Leid der Apotheker, die uns aufgrund der abnehmenden Verkaufszahlen anschuldigen. Gut, sollen sie schimpfen, kommt ja oft genug vor, dass Menschen den mit Früchten gefüllten Baum ganz fällen.

Unser Kulturradio mag Bildhauer, Autoren und Maler sehr gerne. Und damit sie auch weiterhin in ihrem stillen Kämmerlein verharren können, werden sie auch weiterhin nicht in die Studios eingeladen. Unsere Rundfunkanstalten ersparen unserer Jugend mit schwingenden Mikrofonen vielkulturelle Sendungen mit Künstlern aus aller Welt. So bleibt‘s dann ja wenigstens noch überschaubar. Die nicht-deutschstämmigen Kulturen, Künste und Literatur mit all ihren Vertretern – ja wenn‘s die nicht gäbe, dann könnte die deutsche Leitkultur doch sicherlich viel einfacher in alle Himmelsrichtungen unserer Welt verkündet werden… 

 

Daher kann man unser Kulturradio auch nicht als kulturell bezeichnen, wer es nicht versteht, der kann man es mit noch so viel Dezibel vortrommeln, der wird es dann auch nicht verstehen… Genauso gut könnten wir unser Kulturradio auch „Bratkartoffeln“ nennen. Etwas Besseres, solch eine Rarität, können Sie nicht mehr in den Einkaufspassagen oder auf dem Flohmarkt finden… Wenn überhaupt gibt’s das vielleicht ja irgendwann im „Reform“haus…

  

Molla Demirel

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Kulturradio?

Aber ja! – Ich erinnere mich, wie ich Thomas Mann noch zu seinen Lebzeiten, also „live“, wie man heute sagt, ein Kapitel aus dem „Tonio Kröger“ lesen hörte. - Gut, es kann auch damals schon eine Aufnahme gewesen sein, aber es war für mich in dieser Zeit und auch noch lange danach selbstverständlich, dass das Radio wesentlich eine Institution zur Vermittlung von Kultur war. Dass es daneben auch andere Vermittlungsaufgaben hatte wie Nachrichten oder den Wetterbericht empfand ich als eher nebensächlich. Es gab auch eine regelmäßige Sendung, die nach einer kurzen Erkennungsmelodie von einem bassstimmigen Herrn mit den Worten: „Hier spricht der Landfunk“ eingeleitet wurde, was bei meinem kleinen Bruder regelmäßig zu einem Heiterkeitsausbruch führte, der mich unweigerlich ansteckte.

Natürlich gab es auch Unterhaltungssendungen, die vermutlich nicht besser und nicht schlechter waren als die heutigen – aber wirklich ernst zu nehmen waren für mich doch nur die Kultursendungen: Konzerte, Opernaufführungen, bei denen ein Kommentator mit ehrerbietiger Stimme vor jedem Akt eine kurze Zusammenfassung der Handlung gab, während im Hintergrund erwartungsvolle Publikumsgeräusche zu hören waren.

Daneben aber eben auch Lesungen von bekannten und weniger bekannten Autoren; vor allem aber Hörspiele! Günter Eich! Jonesco! Brecht! – und viele andere. In den frühen Siebzigern gab es auch mal bei Radio Saarbrücken zwei Kurzhörspiele von mir. Eines davon, „Das Orakel“, lief noch in den Achtzigern und blieb mein einziger wirklicher ‚literarischer Erfolg’...

Genug der Nostalgie! Auch heute gibt es ja hin und wieder noch Hörspiele im Rundfunk, meist erst in den späten Nachtstunden. Aber Lesungen habe ich schon ewig keine mehr gehört. Wieso eigentlich?

Nun mache ich fast nur noch Bürgerfunk mit einer kleinen Düsseldorfer ASG-Gruppe, die sich „Radio Kö“ nennt und einmal monatlich eine 50-Minuten-Sendung produziert. Mittlerweile habe ich an 32 solchen Sendungen teilgenommen, meist mit 4-Minuten-Beiträgen, in denen ich kleine Essays oder Glossen zu aktuellen Themen lese oder auch eben erschienene Bücher Düsseldorfer Autoren vorstelle. Einmal hatte ich eine monothematische Sendung über Transsexualität mit Interviews zweier Betroffener.

Es wäre natürlich schön, wenn solches auch im öffentlich-rechtlichen Rundfunk (noch oder wieder) möglich wäre. Und wenn ‚man’ dafür ein Honorar bekäme. Nicht, dass ich wirtschaftlich darauf angewiesen wäre, aber da „Honorar“ sich von „Ehre“ ableitet, wäre es ein gutes Gefühl, anerkannt zu werden...

Auch in der Medizin sprach man ja früher von „Honorar“. Damit ehrte der Patient den Arzt und zugleich sich selbst – auch mittlerweile alles Nostalgie! -

Aber nun nochmals:

Kulturradio ja – bitte mehr davon! Viel mehr!   

 

Horst Landau

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Mal eben unterwegs – ne Portion hörbares Leben

oder auch in lauen Abendstunden

das Radio erlaubt den schweifenden Blick

uneingeschränkt in die Gegenwart.

 

Gesänge und Geschichten

Erlebtes mit Visionen

Sportliche Tradition – das ist  unser Kulturgeschehen

der Alltag ist voll davon.

 

Museen, Theater, Performances

Events und was es sonst noch gibt

Wer Englisch spricht und Hipp-Sein liebt

der braucht ein Überwort für mehr Glanz und Glorio

eben Kultur-Radio!

 

Irena Bischoff       

 

 

(21.8.2012)

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Die Aprilfrage:

DENGLISH - WARUM NICHT?  ODER VERSÜNDIGEN WIR UNS AN UNSERER SPRACHE?

 

Und hier die Antworten:

 

Super

Inter City Super

Super City Hyper

Hyper Nano Makro

Super Quadro City

Center Hyper Macho

Hyper City Ropa

Fascho Makro Marko

Mamma Hilfe Ego

 

Ulrich Straeter

 

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Das war schon immer so. Auch bei Römern, Franzosen und Amerikanern. Die Sprache der Eroberer und der auf der Erde Mächtigen hinterließ deutliche Spuren im deutschen Wortschatz. Und dessen Reinheit zu bewahren ist kaum weniger mühsam, als väterliche Versuche, die Tochter vor vermeintlich zu frühem Sex (Geschlechtsverkehr) schützen zu wollen. Zumal für Väter der Töchter-Sex stets zu früh nach satisfaction verlangt. Jedenfalls müssen deutsche Girlies, die immer in immer jüngeren Jahren gezwungen sind, eine erste Fremdsprache zu lernen, sich ständig love songs anhören, die sie (im Gegensatz zu meiner einst frühjugendlichen Sprachkompetenz (Sprachvermögen) auch noch verstehen.

Was hilft da Lamentieren (Gejammer) konservativer (bewahrender) Alt-Germanisten und ihrer Anhängerschaft (sprich: Fan-Gemeinde)?

Die deutsche Sprache wird schon nicht untergehen. Und wenigsten einige Begriffe der Weltsprache Englisch zu beherrschen, ist im Zeitalter der Globalisierung ohnehin überlebensnotwendig.

Cool zu bleiben ist in. Und im Zweifelsfall hilft, wenn einem partout (überhaupt) das deutsche Wort nicht einfallen will, ein gutes deutsch/englisches Wörterbuch.

 

Karl Feldkamp
 

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Babbelick

Daß Sprachenvermischung blamabel
wirk’ Wirrwarr wie weiland in Babel,
ist alberner Brei;
stets plaudert´s Volk frei,
so wie ihm gewachsen der Schnabel.

Quod licet Iovi?

Der englischen Sprache Vokabeln
verdeutscht mißbehagen Notabeln
wie Schoppen mit Kork.
Folk eatet mit Fork.
Sie speisen ihr Steak rare mit Gabeln.

 

Tobias Zynglein

 

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Heimseite

Versündigen? Wir? An der Sprache?

Wir, im Land der Dichter und Denker?

No never.

 

Und wenn ich noch so lange

am Computer sitze

update und downgrade

mails checke und

all diese stupiden Tätigkeiten

am liebsten outsourcen würde

an irgendein fuckin` Call-Center

oder Outlet-Sonstwas-Office

versuche ich mich dennoch

immer wieder zu befleißigen

gewisse sprachliche Überschneidungen

(overlappings!) zu vermeiden

und erfahre so immer wieder

Gewinn-Gewinn-Situationen:

ich verstehe mich

und man mich

 

Es soll sogar bereits websites geben

Dictionaries Denglish - Deutsch

da können Sie alles downloaden

oder abgreifen

if you know what I mean.

 

Und so ist meine homepage

jetzt eine Heimseite

or what ever

 

Dieter Jandt

...................................

 

Die deutsche Sprache ist angloamerikanisch überformt. Dies wird inzwischen von zahlreichen Deutschen kritisiert. Anderen erscheint allerdings die Berufung auf die eigene Sprache und Kultur als unstatthaft. Aber wird nicht gerade durch die Abwertung des Deutschen eine Fixierung auf diejenige Erscheinung deutlich, die überwunden werden soll - Nationalismus und Faschismus? Kulturelle und nationale Selbstvergessenheit ist somit nur die Kehrseite nationaler und kultureller Überheblichkeit. Die deutsche Selbstvergessenheit erscheint anderen Völkern als Krampf. Es ist deshalb aus vielen Gründen an der Zeit, sich wieder auf die eigene Sprache zu besinnen und sie zu pflegen, die eigene Kultur zu behaupten und zu entwickeln und als weltoffener Demokrat sowohl der politischen Rechten den Zugriff auf die Nation zu verwehren als auch den linken Verächtern der deutschen Sprache und Kultur entgegenzutreten, ebenso einem gewissen angloamerikanischen Kulturhegemonismus.  - Es bleibt dabei: Alles, was sich sagen lässt, lässt sich auch auf Deutsch sagen.

 

Horst Hensel

...................................p>

Ich bitte, dies festzuhalten: Zu dieser Frage habe ich mich niemals geäußert. Nein, ich stehe fest zu der richtigen Meinung, wann und wie auch immer sie geäußert wird. Keinesfalls habe ich mich in dieser Richtung entschieden. Völlig zu Recht sind Leute, die so etwas tun, gevierteilt, verbrannt und gerädert worden.

Solche läppischen, einschleichenden Versuche wie, ob es nicht doch erfolgreiche Importe, gebe, schon früh aus dem Lateinischen und Französischen, auch Fremdwörter, die den Reiz des Unabgenutzten ausstrahlten oder noch emotionale Assoziationen wecken, neue Begriffe zu Innovationen, die ausnahmsweise nicht hierzulande hervorgebracht worden seien, weise ich strikt zurück.

Am besten gehen Sie davon aus, dass es mich nicht gibt

Karl Otto Mühl

 

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Denglish and so on...

 

Sag’s auf Deutsch, ich will nicht gleich verzagen,

doch dein Denglish schlägt mir auf den Magen.

In Frankreich kann ich Fenglish noch ertragen,

doch in China kann man mit Chenglish jagen

 

Wulf Noll

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Das Sprachempfinden

 

An lauen Sommerabenden

auf dem Altan sitzend:

Liebend gern lausche ich

dem Gespräch der Vorübergehenden.

 

Manche Sprachen erkenne,

manche errate ich.

Manche Sprachen erstaunen,

manche verzaubern mich.

 

Auf gut Deutsch meint es

wohl dies: Hereinspaziert, die ihr

wortbrüchig und versprochen seid!

 

Alfons Huckebrink  (aus: Sombrerogalaxie, 2010)

 

 

 

(21.8.2012)

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Wäre der Rechtsextremismus nicht viel besser in den Griff zu bekommen, wenn wir in bewährter Manier schweigend darüber hinweggingen?

 

 

Antworten:

 

Totschweigen ist zumeist irgendwann für die Schweiger tödlich.

Der durch Schweigen Bestrafte wird in der Regel sein gefährliches Treiben uneingeschränkt beibehalten.

Weder Alt- noch Neo-Nazis waren und sind durch Schweigen, Wegsehen und Weghören von ihrer Gesinnung abzubringen.

Wer ihnen keine Bühne bzw. keine Zuschauer und Zuhörer biete, der habe nichts von ihnen zu befürchten, ist ein naiver Irrglaube.

Dem kann nur jemand erlegen sein, der, wie ein Kleinkind glaubt, wenn es sich die Augen zuhält, nicht gesehen zu werden, da es selbst  nichts sieht. 

Im Gegenteil, es geht darum, sie zu sehen, zu hören und möglichst viel von und mit ihnen zu reden.

Nur so werden viele – und hoffentlich auch einige von ihnen – erkennen, welcher Wahnsinn sich da wieder auszubreiten droht.

Das kleinkindliche Versteckspiel gehorcht einer paradoxen Scheinlogik.

Ebenso paradox ist es für Polizisten, demokratische Demonstrationsrechte antidemokratisch gewaltbereiter Gruppierungen zu gewährleisten. Nicht selten müssten sie dabei auch noch gegen zu recht protestierende Demokraten vorgehen, die angesichts brauner Dumpfköpfe  ihre berechtigte Wut oft nur mühsam zügeln können. Und besonders schwierig wird es, wenn auch noch autonome Provokateure ihre Chancen nutzen.

Dennoch kann hier nicht „Ruhe ist die erste Bürgerpflicht“ wichtigste Devise sein, selbst wenn sie aus Sicht einer Ordnungsbehörde als die einfachste Lösung erscheint.

Demokratie lebt von lauter und lebendiger Auseinandersetzung. Nicht von tödlichem Schweigen…

Im Übrigen haben viele Neonazis Lebensgeschichten, in denen sie als Kinder gerade nicht (positiv) gesehen wurden. Daher lechzen sie heute geradezu nach Anerkennung.

Noch mehr „Nicht-gesehen-Werden“ wird noch radikaleres Verhalten provozieren.

 

Karl Feldkamp

 

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Nehmen wir das Ganze doch mal wörtlich,

nehmen es also in den Griff, wobei sich die Hand zur Faust fest schließt.

Das ist innerlich wegschließen, unsichtbar machen und trotzdem permanent beide Hände voll haben.

So können wir weder frei agieren noch uns unbelastet fühlen.

 

Anschauen, diesen Stachel im Fleisch, so dicht vor unser Augen

Sich trauen zu spüren, was Millionen gespürt

Die Abscheu erleben, die zur Triebfeder wird -

Aktiv Einhalt zu gebieten.

 

Irena Bischoff

 

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Über rechts, über Rechtsradikalismus reden, ja, aber wo anfangen, wenn im Privatleben alle Leute, die man kennt, von demokratischer Gesinnung sind. Flagge zeigen sollte man immer, aber reden wäre besser, wenn sich eine Gelegenheit dazu bietet, zum Beispiel an Schulen, wenn man merkt, dass junge Leute nach rechts abdriften oder gar ausrasten. Aber man müsste irgendetwas an ihnen verstehen, sonst kann man sie nicht erreichen. Es ist nicht einfach, eine Sprache zu finden, welche hilft, den Verblendungszusammenhang abzubauen oder ihn erst gar nicht aufkommen zu lassen. Eine Generation übernimmt nicht automatisch die Erkenntnisse einer früheren Generation. Es ist mühsam, die Sprache der Aufklärung immer wieder neu zu finden, aber wir haben keine andere Wahl.

 

Wulf Noll

 

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Sollen wir kuschen – wie die Mitläufer?

 

Sollen wir schweigen – wie die Ängstlichen?

 

Sollen wir verstummen – wie die Toten?

 

Wer schweigt, der billigt.

 

Wer nicht handelt, der duldet.

 

Wer sich nicht widersetzt, macht sich schuldig.

 

 

Inés María Jiménez

 

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Die Fragestellung widerspricht ja zunächst eklatant der hierzulande eingebürgerten „political correctness“: über Rechtsextremismus einfach so hinweggehen? Die rechten Rowdys durch Nichtbeachtung bestrafen (durch Nichtachtung ja sowieso!) – geht das? Darf man das? In Deutschland? Sollte man das vielleicht sogar? Und wäre das nicht eventuell besser als all die pflichtgemäß von Spitzenpolitikern abgesonderten Sonntagsreden über Neonazi-Opfer, denen durch derlei feierliches Gedenken ja eh nicht (mehr) zu helfen ist?

 

Die Frage ist also gar nicht so absurd, wie sie auf den ersten Blick erscheint. Denn vermutlich wird ein harter Kern der Rechtsradikalen durch politische Verdammung und mediale Dämonisierung eher zusammengeschweißt als gespalten. Und auch das – oft weibliche – Umfeld dürfte durch die permanente Medienpräsenz des Themas und seiner Akteure angezogen und in seinem / ihrem emotionalen Engagement bestärkt werden.

Ich bitte um Verzeihung, dass ich einen eher positiv besetzten Begriff wie „emotionales Engagement“ in diesem Zusammenhang verwende; aber auch pervertierte Emotionen sind solche, die auf Denken und Verhalten einwirken!

„Wenn du denkst, du denkst, dann denkst du nur, du denkst“, hieß es vor Jahren in einem Lied. Tatsächlich wird das Denken wesentlich durch Gefühle gesteuert, und gerade Menschen, die wenig denken, haben zwischen sich und ihren Gefühlen kaum einen Filter, der es ihnen ermöglicht, aufgrund rationaler Einsichten zu handeln. Und die Art und Weise, wie jemand fühlend und – daraufhin – vermeintlich selbst denkend Welt und Menschen wahrnimmt, wird eben wesentlich durch frühe Prägungen (Elternhaus!) und das soziale Umfeld der Altersgenossen bestimmt.

So gesehen wäre „links (bzw. rechts) liegen lassen“ durch die Medien wahrscheinlich die optimale Option – ausgenommen natürlich nachweisbare kriminelle Akte, die schnell und mit der gebotenen Härte abgeurteilt werden sollten. Und dies möglichst unter Ausschluss der Öffentlichkeit.

 

Aber da fangen die Probleme an: in einer Demokratie haben die Medien die Aufgabe, auch über gesellschaftliche Fehlentwicklungen und die sich daraus ergebende Randgruppenkriminalität zu berichten. Und wenn sich die seriösen Zeitungen und das öffentlich-rechtliche Fernsehen verweigern bzw. nur nüchtern-statistisch berichten – stürzen sich die Privatsender, die Boulevardpresse, die Internetchaoten erst recht auf die spektakulären, schlagzeilenträchtigen Ereignisse und bestätigen dadurch wahrscheinlich sogar die rechtsradikalen Gewalttäter und deren Sympathisanten in ihrer Protesthaltung gegenüber der Mehrheitsgesellschaft.  

Kurz: die Idee ist gut aber nicht realisierbar.

Schade eigentlich!

     
;                                 

Horst Landau

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Rechts-BILDung

 

Januar 1997, Konferenz der Innenminister, geheimes Sitzungsprotokoll, Seite 18 b:

 

Die Konferenzteilnehmer brachten mehrheitlich ihre tiefe Besorgnis über die unglückselige Häufung von Brandanschlägen mit ausländerfeindlichem Hintergrund zum Ausdruck. Es herrschte weiterhin Einigkeit, daß dagegen umgehend geeignete Maßnahmen zu ergreifen seien. Andernfalls könnte man im benachbarten Ausland davon ausgehen, daß in unserem demokratisch grundgeordneten Rechtsstaat Menschen wegen ihres Geschlechts, ihrer Rasse oder Religionszugehörigkeit in blindem Wahn verfolgt würden. Als dringend notwendige Sofortmaßnahme wurde deshalb beschlossen: Solange nichts Gegenteiliges bewiesen ist, haben alle untergeordneten Dienststellen in ihren öffentlichen Verlautbarungen davon auszugehen, daß bei solchen Ereignissen Hinweise auf einen ausländerfeindlichen Hintergrund nicht vorliegen.

 

Februar 1997, Dienstliche Mitteilung XI/11-1.4. des Bundeskriminalamts an alle Lan-deskriminalämter:

 

Die Länderinnenminister sind besorgt. Häufig kommt es bei brandseligen Ausländern zu entsprechenden Unglücken. Gegen deren Unmäßigkeit sind geeignete Maßnahmen zu ergreifen. Andernfalls könnten benachbarte Ausländer davon ausgehen, daß unsere demokratisch grundgeordneten Rechten wegen ihres Rassengeschlechts von einem Wahn verfolgt würden. Die Herren Minister haben deshalb beschlossen: Solange untergeordneten Dienststellen nichts Gegenteiliges zu beweisen ist, haben alle bei solchen Ereignissen zu verlautbaren, daß sie von keinem ausländerfeindlichen Hintergrund ausgehen."

  

Mai1997, Dienstanweisung SS/9-33//45-SA des Polizeipräsidenten an den Polizeipressesprecher:

 

Die Landeskriminalämter sind besorgt über die Häufung von Brandstiftungen durch  die unseligen  Ausländer. Solange wir es nicht zu beweisen brauchen, gehen wir deshalb davon aus, daß an Verfolgungswahn leidende Nachbarrassen, die unsere demokratisch ordentlichen Rechten zugrunderichten wollen, als Täter anzusehen sind. Auf diesem Hintergrund sind alle sofort als Feinde zu ergreifen.

 

Werner Schlegel

 

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Und zum Schluss noch einmal die Frage:

Wäre der Rechtsextremismus nicht viel besser in den Griff zu bekommen, wenn wir in bewährter Manier schweigend drüber weggingen?

 

Klappt bestimmt. Syphilis geht ja auch von selbst weg, wenn man nicht darüber redet.

 

Reinhard Junge

 

 

(14.3.2012)

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Molla Demirel 19.6.2012 13:33:06

Kultur Gegen Rechtradikalismus

Mischen wir Wurst und Kartoffel
Mit Döner
Trinken wir dann ein Glas Ouzo

Produzieren wir Waffen
Verkaufen wir in Dritten Ländern
Dann Schrein wir Dialog der Religionen

Fliegen wir in Sommer ans Mittelmeer
Italien
Spanien
Albanien
Das Beste und billigste ist die Türkei

In diesen Ländern gibt es eine schöne Natur
Dort sind wir
wie König und Königinnen
Rufen wir die Kellner mit dem fingern
sind wir Glücklich

Landen wir bei der Rückkehr am Flughafen
Schreien Wir:
„Ausländer raus!“
Multi Kulti ist gestorben
Es ist unsere Vielfältigkeit der Leitkultur

Panzer verkaufen
Und kaufen Menschenkraft
Etwas Schweinbein
Im Pizza
Schmucken mit Grünen Kräuter
Sind wir schon auf du und du
Sushibar liegt gleich um die Ecke
Essen ist unsere Kultur gegen Rechtradikalismus

18 Juni 2012
Molla Demirel


Dürfen Mitbürger in hohen Staatsämtern denn gar nicht mehr menscheln? Oder wie hätten wir die Kanzler/innen, Ministerpräsidenten/innen oder Bundespräsidenten/innen denn gern?

 

Antworten:

 

solar world

 

ich wulffte so daher

ich Mensch

so klein und schwach

und so gewohnt

dass ich die Hand

die ausgestreckte

nicht mehr zu schließen wusste

alsbald

- ging einfach nicht.

 

ich wulffte also

wie es mich gelehrt

das Leben

unter meinesgleichen

auf der Sonnenseite

wo Mensch noch was bewegt

und dicke denkt

 

ich steckte weg

was mir geboten

flog frei umher

lag in der Sonne

die ja ohnehin umsonst

kam einfach nicht mehr davon los

- ich Wulff

 

Dieter Jandt

 

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Unser Präsidentchen.

 

Klar, eigentlich wollten wir Joachim Gauck als Bundespräsidenten, doch aufgrund des Parteienproporzes wurde es dann Christian Wulff.

Schade, aber es hätte schlimmer kommen können. (Heinrich Lübke war schlimmer!). -

Und dann machte Wulff sich doch eigentlich gar nicht schlecht: ein Mann, wie aus dem Ei gepellt mit einer Frau, die ohne weiteres auf jedem Laufsteg gute Figur machen würde. Es ist schließlich unerfreulich genug, wenn einem morgens beim Rasieren aus dem Spiegel ein faltiges, umgrautes Gesicht entgegenstarrt. Da möchte man doch wenigstens im Fernsehen und den anderen Medien hin und wieder was Schöneres sehen!

Und da haben wir sie nun, ein wirklich schönes Paar, das immerfort freundlich Gäste begrüßt im Schloss „Bellevue“, was schließlich „Schöne Aussicht“ bedeutet ...

Und einmal sagte Wulff sogar etwas, das man aus dem Munde eines Bundespräsidenten noch nicht gehört hatte: „Der Islam gehört zu Deutschland“. - Das ist zwar nicht mehr als eine nüchterne Zustandsbeschreibung – aber immerhin: die Ultrakonservativen, die immer noch ihre christliche Abendlandsmystik pflegen, äußerten sich leicht irritiert. –

Doch allgemein nahm man es freundlich lächelnd hin, dass Wulffs Familie ein wenig patchgeworkt ist: „wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe - “ 

Und auch, dass sich so nette Menschen gern von anderen netten Menschen beschenken lassen, muss man ja nicht so eng sehen. -

 

Aber dann sah ich dieser Tage im Fernsehen diesen sehr alten Mann, der zunehmend gebrechlich wird; er sieht aus wie ein trauriger Ochsenfrosch, den keine Prinzessin schönküssen konnte: kein Prinz also – aber ein König!

Ein König ohne Amt und Würden mit schlaganfallbedingt verwaschener Aussprache.

Aber: da ist kein Augenblick der Peinlichkeit, da passt jedes Wort, und noch die sparsamste Geste ist meisterlich gesetzt! Wenn er berichtet, wie er den Obmann der Juden vorfand, der sich mit Zyankali vergiftet hatte, weil er es nicht mehr ertrug, ein Rädchen im Räderwerk der Vernichtungsmaschinerie des Warschauer Ghettos zu sein – da zeigt uns der alte, der junge Reich-Ranicki ein winziges, scheinbar nebensächliches Detail: ein unberührtes Wasserglas: das Gift wirkte demnach so schnell, dass der Obmann den bitteren Geschmack nicht mehr runterspülen konnte... und in diesem Augenblick greift R.- R. zum bis dahin unberührten Wasserglas auf seinem Pult und trinkt einen Schluck!

Wenig später beendet er seine Rede mit dem stärksten finalen Wort der deutschen Sprache: „Tod“! – Ein Mann, der kein Amt braucht, weil er all das besitzt, in Jahrzehnten erworben hat, was keine noch so hohe Position vermitteln kann, wenn es nicht bereits vorhanden  ist: Persönlichkeit, Autorität, Würde! (Würde in der Einzahl ist mehr als der Plural). –

 

Zwischendurch schwenkt die Fernsehkamera ins Publikum, verharrt einige Sekunden auf Christian Wulff, der ein ernstes Gesicht macht. Und ich sehe seine Anstrengung: er macht das Gesicht! Ich sehe, wie es hinter seiner Stirn arbeitet: „Sehe ich auch ernst genug aus? Wirkt mein Gesichtsausdruck hinreichend betroffen?“ - Offenbar ist er so mit der Kontrolle seiner Miene beschäftigt, dass er kaum zuhört.

Und auf einmal finde ich dieses harmlos-glatte, um Betroffenheitsausdruck bemühte Gesicht nur noch zum Kotzen. 

 

Horst Landau

 

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Ob ich heute schon gemenschelt habe? Doch, doch, das passiert mir immer wieder, sozusagen nebenbei. Heute Morgen beim Frühstück habe ich hörbar meinen Mann angegähnt – ich weiß, das gehört sich einfach nicht – und ganz in Gedanken habe ich auch den Schnodder hochgezogen. Wäre er nicht so vertieft in einem Artikel über die Eurokrise gewesen, hätte er dazu bestimmt eine kränkende Bemerkung gemacht. Als ob nicht auch er menscheln würde, zum Beispiel als er …

Ach, dieses Menscheln meinst du gar nicht? Du denkst an Vorteilsnahme von hochrangigen Politikern und auch Politikerinnen im Amt, an unvollständige Aussagen im Parlament, die Falschaussagen gleichkommen, an Begünstigungen im Amt, und an bezahlte Hotelkosten, ohne das Geschenk zu bemerken? Das sind doch Straftatbestände.  Was haben die mit deiner Frage und dem allgemeinen Menscheln zu tun?

Natürlich weiche ich deiner Frage nicht aus. Mit diesem Menscheln kann ich dir eben nicht dienen. Ja, ja, dieses nützliche Geben und Nehmen zwischen Politik und Wirtschaft liegt fern von mir, hat nichts mit meinem Leben zu tun. Um mich in so einen Schlamassel verwickeln zu lassen, sitze ich einfach nicht in den passenden politischen Positionen.

Und wenn ich dort säße? Was weiß ich! Du stellst vielleicht Fragen! Auf jeden Fall würde ich mir mein Menscheln abgewöhnen und solange trainieren, bis ich nur noch  ganz bewusst und sehr dezent mit einer Hand vor dem Mund gähnte und garantiert nie mehr den Schnodder hochzöge. 

 

 

Gudrun Nositschka

 

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…aber bitte nicht so

kleinkariert,

wenn schon, denn schon,

dann doch,

menschlich, mäandernd.

 

Winfried Pielow

 

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Wie menschlich darf  Machtmensch sein?

Da rufen Bundespräsidenten-Parteifreunde auf, ihrem Christian doch schlichte menschliche Fehler zu verzeihen, für die er sich so ungeheuer trefflich zu entschuldigen weiß. Ja, unser derzeit noch erster Mann im Staat, menschelt über alle Maßen. Allein dadurch schwingt er sich doch schon zum Sympathie-Träger auf.

Man müsste, wie sicherlich seine Bezahl-Freunde meinen, sich viel mehr über die sensationsgeilen Medien empören, die jede Kleinigkeit aus der hannoverschen Vergangenheit dieses ungewöhnlich gewinnenden Schwiegermutterschwarms an das gegenwärtige Licht der Öffentlichkeit zerren.

Recht haben sie.

Wir brauchen in unserer Demokratie keine Übermenschen wie etwa jenen kürzlich verstorbenen nordkoreanischen Diktator, der zu Lebzeiten nicht einmal zu gewissen menschlichen Bedürfnissen neigte. Vielleicht verstarb er auch nur, weil ihm in einem Alter, in dem manche bereits zur Inkontinenz neigen, die Blase platzte. Wer weiß?  Die Nachwelt wird sein Geheimnis nicht erfahren.

Machthaber brauchen Geheimnisse, damit daraus später die Legenden werden, die Helden der Vergangenheit schließlich ausmachen. Warum soll nicht Christian Wulff trotz Kriegsrhetorik als menschlichster aller deutschen Bundespräsidenten in die Geschichtsbücher eingehen?

Gut, die Frage muss erlaubt sein, welche Erwartungen an die menschlichen Qualitäten eines Präsidenten in einem demokratisch verfassten deutschen Staat zu stellen sind.

Muss er für sein Amt tatsächlich tugendhafter, weniger naiv und realistischer veranlagt sein als die Masse seiner Durchschnittsbürger, die er im In- und Ausland zu präsentieren vorgibt? Oder reicht es, wenn er Reden halten kann, in denen er Tugenden anmahnt, nach denen er und die meisten Bürgerinnen und Bürger nur in geringerem Maß leben?

Sollte Normalmensch Mustermann Müller nicht erst einmal vor der eigenen Moral-Tür kehren, bevor er einen ursprünglich biederen Osnabrücker mithilfe der BILD und anderer Medien an den Pranger stellen hilft?

Fragen über Fragen.

Und die kann, wie es demokratischer Brauch sein sollte, das Volk nicht einmal durch Wahl oder Abwahl beantworten. Vielleicht sollte das Volk daher einfach anspruchsloser werden. Das könnte immerhin  bei Finanz- und Wirtschaftskrisen helfen.

 

Karl Feldkamp

 

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Titanic 2012

 

Drei Millionen Arbeitslose

Sechs Millionen Hartz-IV-Empfänger

Fünf Millionen Leih-Arbeiter

Zwölf Millionen an der Armutsgrenze

Ein Meer voller Eisberge

Keine Rettungsboote

Befehl vom Kapitän:

Volle Kraft voraus!

 

 

2. Fassung:

 

 

100 Jahre Titanic

 

Drei Millionen Arbeitslose

Sechs Millionen Hartz-IV-Empfänger

Fünf Millionen Leih-Arbeiter

Zwölf Millionen an der Armutsgrenze

Ein Meer voller Eisberge

Keine Rettungsboote

Eine Frau auf dem Kommandostand:

Volle Kraft voraus!

 

Ulrich Straeter

 

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Sie sollen uns repräsentieren

sollen sein wie wir gern wären

mit ganz viel Macht und Geld und dicker Rente

auch wenn nur mal zwei Jährchen reingeschaut

ins emsige Regierungs-Treiben.

 

Nur - ethisch besser sein, unfehlbar gar

das müssen sie schon

das ist der Preis, den wir verlangen!

Sie sollen uns repräsentieren,

können uns auch regieren

sollen sein - wie wir nie werden.

 

Irena Bischoff

 

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   "Quod licet Iovi, non licet bovi." - In einer Demokratie müßte es umgekehrt heißen: "Quod licet bovi, non licet Iovi." - Was ein Rindvieh darf, schickt sich nicht für Jupiter.

Nun ist aber der höchste Amtsträger im Staat kein Gott. Wie jeder andere ist er ein Mensch, und warum sollte er als solcher nicht "menscheln" dürfen? Warum sollte er nicht auch manchmal schwächeln, hin und wieder straucheln dürfen? Warum nicht auch liebäugeln und anbändeln oder sich durchs Gemenge tänzelnd und drängelnd durch-

schlängeln?

   Für derlei Tätigkeiten hat die deutsche Sprache das Diminutiv-Morphem "l". Dieser Laut verkleinert, vermindert, was nicht unbedingt negativ sein muß, wenn etwa ein

Lachen zum Lächeln wird.

   Unser derzeitiger Bundespräsident macht zwar gut und gerne Staat mit seiner Gattin, aber hinter den Kulissen hatte er weit mehr Gelegenheiten zu menscheln als ge-

wöhnliche Individuen des Stimmviehs, des Volks, des Souveräns. Und allzu oft versteckt er sich samt seinen Verfehlungen hinter dem unbestimmten Personalpronomen

"man". Ausgerechnet er. Sein Anspruch aus dem Man-Mittelmaß hochzuhoppeln wirkt gekünstelt und so zockelt er sich noch auf großer Bühne durch das Kleinklein seines

prominenten Alltags.

   Wer das höchste Amt im Staat verkörpert, darf nicht menscheln. Er oder sie darf das als einzige im Lande nicht. Wenn sie nicht über Mittelmaß in einer Gesellschaft stehen und das Volk würdig und vorbildlich repräsentieren, brauchen wir sie nicht. Der derzeitige Bundespräsident erfüllt unsere Erwartungen nicht, schöpft nicht seine Wirkmög-

lichkeiten aus, scheint diese  nicht einmal wahrzunehmen, ist also dem Amt nur unzureichend gewachsen.

   So hohe Ansprüche stellen wir an die anderen Volksvertreter nicht. Es gab und gibt sie noch immer - auch wenn es weniger geworden sein mögen - die untadeligen Po-

litiker und Politikerinnen. - Symbol des Besten zu sein, worin sich ein Volk wiederfindet, müssen sie nicht. Das sollte aber dem auf Zeit gewählten Staatsoberhaupt mit sei-

ner Integrität und Intelligenz, seiner durch Bildung und Lebenserfahrung wie Menschenkenntnis ausgestatteten Persönlichkeit mit Hilfe der wohlbedachten, kritischen wie versöhnlichen Macht des Wortes trotz der gebotenen Zurückhaltung im parteipolitischen Handeln wirksam und nachhaltig gelingen.

 

Ludwig Verbeek

 

 

 

 

 

 

(14.2.2012)

(Kommentar zum Artikel schreiben)

Darf sich jemand ohne Burnoutsymptome noch als vollwertiges Mitglied der deutschen Leistungsgesellschaft fühlen?

(11.1.2012)

(Kommentar zum Artikel schreiben)

Wulf Noll 12.1.2012 11:13:42

Es ist vielmehr umgekehrt, nur wer an Burnout leidet ist ein Mitglied nicht nur der Leistungsgesellschaft, sondern der Gesellschaft überhaupt. Und was die Fragestellung anbelangt, muss es denn jemand heißen? Sind nicht viele Staaten, sind nicht viele Banken im Wesentlichen völlig abgebrannt? Befinden wir uns nicht im Abendgang des Unterlandes bzw. im Untergang des Abendlandes? Ach, die Antwort ist zynisch. Und Zynismus ist sogar ein Symptom fürs Burnout-Syndrom. Vom Drang, sich und anderen etwas beweisen zu wollen, bis zu den ersten Selbstmordgedanken als Ausweg aus dieser Situation wird der lange Weg für manche recht kurz. Da wir eher unvernünftige als vernünftige Wesen sind, müssen manche Personen und Staaten erst abbrennen, bevor sie sich wieder aufrichten können. Dichter, freilich, sind diejenigen Leute, die im Burnout-Prozess den Phönix aus der Asche auferstehen sehen.

(Wulf Noll)


Horst Landau 11.1.2012 18:17:51

Leistungsnachweis.

Sachzwängen unterworfen
Den starken Mann markieren

Öffentlichkeitsarbeit
Mit täglichem Trend-Trab

Das Kind einsperren
Und die Sau rauslassen

Schlagende Argumente beantworten
Durch Schlagen des Argumentierenden

Notfalls sich ein Herz fassen
Doch niemals das eigene –

Erst das Burnout-Syndrom schließlich
Als Leistungsnachweis.

(Horst Landau)


Monika Littau 11.1.2012 18:17:24


Eine Kerze, die an zwei Enden lodert, verlischt schnell, nutzt wenig.
Brennt der Docht nur an einer Seite, mag man sich länger freuen am Licht.
Unser Leben in „Zeiten der Feuerwerke“ fordert geradezu heraus, dass wir uns abwenden von zu viel künstlicher Helligkeit, von zu viel nutzlosem Radau, von Worthülsen.
Die Kunst des Künstlers: zu brennen ohne zu verbrennen, zu leuchten, wenn die Feuerwerke abgebrannt sind und nur noch giftiger Rauch sich auf die Bronchien legt.
Unsere wichtigste Aufgabe allerdings wäre es, „Träume anzuzünden“ (Hilde Domin). Wer sonst könnte das tun?

(Monika Littau)


Frank Schablewski 11.1.2012 18:16:57


Wie leis' tun gen Gesellschaften?

Aus
geb
rannten wegen Nichtigkeiten

ein Loch in den Kopf
sich Zeitmesser in die Brust
gegen die Herzscheidewand

Anima,

1. Seele

und 3. der billige Blechkern
einer Münze
mit Edelmetallen legiert

selbst fair antworten


(Frank Schablewski)


Ludwig Verbeek 11.1.2012 18:16:26

Nein, natürlich nicht, denn er hat ja nicht alles gegeben und seine Rakete hat noch Brennstoff genug, um höher zu steigen als die tapferen Selbst-Verausgaber,
die jetzt am Boden liegen. Ein vollwertiges Mitglied der deutschen Leistungsgesellschaft ist der, welcher zeigen kann, daß er sich bis zur völligen Entäußerung eingebracht hat. So ist die Vollwertigkeit stets erst dann erreicht, wenn sie leer ist. Dieses Gütesiegel wird also erst dann vergeben, wenn es der Vergangenheit entspricht und wertlos geworden ist. Der sich vollwertig Fühlende ist wertlos; der als minderwertig Angesehene trägt die Leistungsgesellschaft, bis auch er, als Hülse abgestürzt, sich als vollwertiges Mitglied der deutschen Leistungsgesellschaft fühlen darf.

(Ludwig Verbeek)


Uwe Erichsen 11.1.2012 18:15:59

Das Problem lässt sich bequem aussitzen, denn in ein paar Monaten redet niemand mehr über Burnout, die Frage erledigt sich von allein. So wie andere Volksleiden. Vor Jahren hat man (der Deutsche?) gern Magengeschwüre genommen, dann waren es Rückenschmerzen (der Rücken), dann Keratose, Schwindel… Was nehmen wir dann? Die Auswahl ist groß (schauen wir einfach in die Apotheken-Umschau).

(Uwe Erichsen)


Mareen Heying 11.1.2012 18:15:28


So gerne würde ich antworten, dass diese Frage höchst ironisch ist, aber sie ist es nicht! Tatsächlich ist die Antwort „nein“! Denn wer nicht klagt, der/die bekommt solange mehr Arbeit, bis er/sie endlich klagt und wieder dazu gehört! Und wenn nicht geklagt wird, dann ist da noch das schlechte Gewissen in jeder Person, welches unentwegt sagt: „Dir geht es gut, Deine Kolleg_innen jammern – Du arbeitest offensichtlich nicht hart genug!“
Ohne Burnoutsymptome kann ich mich direkt selbst aus der Gesellschaft ausschließen, mir einen Frühstückskorn und einen Mittagscocktail genehmigen, bevor ich am Abend mit einer Flasche Wein darüber philosophiere wie dieser Leistungsdruck eliminiert werden kann. Denn eins ist klar: Wer Zeit für Burnout hat, hat keine Zeit die Gesellschaft zu verändern. Wer aber Zeit hat die Gesellschaft zu verändern hat kein Burnout und gehört nicht dazu!

(Mareen Heying)


Irena Bischoff 11.1.2012 18:14:57


Was ausgebrannt
hat gebrannt
hat hingeschwelt
zur bloßen Asche

Kontrolliertes Feuer
die stete Glut
erst garantiert
das Werden


(Irena Bischoff)


Ulrich Land 11.1.2012 18:11:01

Jau. Darf er. Oder sie. Fühlen schon. Die Frage ist nur: Ob man dann noch für kommunikationsfähig gehalten wird. Jedenfalls kann man bei des Deutschen Lieblingsbeschäftigung – dem Erheben der großen Klage – dann nur auf der Seite des Zuhörens mit von der Partie sein. Und sei das große, süßklagende Lamento seiner Zeitgenossen noch so ergreifend, auf die Dauer ist es doch vor allem eines: ermüdend. Und eh man sich versieht, ruckzuck darf man die ersten Burnoutsymptome bei sich selbst beobachten. Und alles ist gut.

(Ulrich Land)


Ulrich Straeter 11.1.2012 18:01:33


Natürlich nicht, denn erst durch die Burnoutsymptome wird die erbrachte Leistung in der Leistungsgesellschaft (der deutschen) nachgewiesen! Ohne Symptom keine Leistung! Ohne Leistung kein Symptom.

Das Burnout ist der Quotient aus der verrichteten Arbeit unter Berücksichtigung der benötigten Zeit. Je eher das B. sich zeigt, umso besser (s. auch bei vielen Politikern).
Gerade für manche Schriftsteller/innen gilt, diesen Moment des nahezu körperlosen Zustandes, denn es handelt sich bei unserer Leistung ja zunächst und vorrangig (oder vordergründig?) um eine geistige, so schnell wie möglich zu erreichen. Doch handelt es sich bei unserer L., natürlich innerhalb des jeweils gesetzten Erwartungshorizontes, nicht nur um eine geistige, sondern auch um eine sittliche und körperliche! Manche Texte zeigen zunächst nur das Ergebnis der rein geistigen L., der erkennbare Schwachsinn deutet allerdings unübersehbar auf einen Burnout hin. Namens-Beispiele hierfür kann der Autor Wiglaf Droste jede Menge nennen, das fängt bei ihm bei Günter Grass an. Das hieße mit anderen Worten, wenn wir Wiglaf richtig verstanden haben: mit einem saftigen Burnout kann man sogar den Nobel-Preis ergattern.

Nun zur sittlichen Reife. Nur wenn man überreif ist wie eine matschige Backpflaume, kann man natürlich in der deutschen Leistungsgesellschaft etwas reißen. Das gilt für alle Bereiche, insbesondere für die Schriftstellerei (und die Politik). Man schaue sich um in den Szenen und es wird einem wie Schuppen von den Augen usw. usf.

Der Grad der körperlich geleisteten Arbeit bei der Verfassung von geistig und sittlich hoch stehenden Texten ist nicht ganz so leicht zu erkennen. Es heißt, manche Schriftsteller/innen (Autoren/innen, Schreiberlinge/innen) schrieben im Stehen, bei der Gartenarbeit, während des Autofahrens, beim V. oder so. Genauso sehen manche Texte auch aus! D.h., der Grad des Burnouts bei Leuten, die sich Schriftsteller nennen, der durch körperliche Arbeit (s. auch Begriff der L. in der Physik) verursacht wird, ist wahrscheinlich höher oder häufiger als man denkt. Vielleicht erreichen manche S. den Olymp der von der bürgerlichen Schwachsinns-Presse verbreiteten Paranoia erst durch völlige körperliche Ablenkung und geistiges Abschalten! Da liegt ein Burnout schnell nahe.

Offiziell wird im Gegensatz zu den Zeiten der Feudalgesellschaft (bei der es nicht um Leistung ging) in einer Leistungsgesellschaft, insbesondere der deutschen (denn die Deutschen sind und waren schon immer etwas Besonders), die L. nach den materiellen und geistigen Ressourcen und ihren Nachweisen bewertet und anerkannt. Es besteht allerdings der Verdacht, dass die Unterschiede zwischen spätem Mittelalter und heute nicht allzu groß seien – siehe hierzu auch den Reichtums- und Armutsbericht. Umgekehrt argumentiert: aus dem Mittelalter ist kein Burnout bekannt.
Heute gilt das Burnout als ein interdisziplinär anerkannter Wertmesser. Nur wer auf der künftigen elektronischen Gesundheitskarte mindestens einen Burnout medizinisch nachweisen kann, hat noch Chancen in der deutschen L.-Gesellschaft.
Gut, dass wir Mitglieder im VS sind! Denn nur im Vergleich mit einer Gruppe kann sowohl das Ergebnis der L. als auch ihre Durchschnittlichkeit bzw. die Einsatzbereitschaft des einzelnen Täters (des Burnoutwilligen) erkannt werden.

Es heißt künftig nicht mehr „Hummel, Hummel“ – „Mors, Mors“, sondern
„Burn, Burn!“ – „Out, out!“

In diesem Sinne
euer abgebrannter
Burny

(d.i. Ulrich Straeter, Deutschland)